Ein Abend bei Chartier

 

Eines der wenigen noch original erhaltenen Jugendstilrestaurants in Paris ist das Chartier. Eigentlich Bouillon-Chartier, aber alle nennen es nur Chartier. Es liegt am Anfang der Rue du Faubourg Montmartre, ganz nah an den Grands Boulevards, auf der linken Seite etwas zurückversetzt hinter einer kleinen Tordurchfahrt. Es gibt kaum einen Reiseführer für die Stadt der Lichter ohne einen Hinweis auf Chartier. Aber leider nur ganz ganz selten auch mit Hinweisen, wie es dort zugeht und wie man dort klar kommt. Diesem Missstand wollen wir abhelfen.

 

Geht nicht zu spät, sonst steht Ihr rum und wartet auf einen frei werden Tisch!“, wurde uns geraten. Auf einen Tisch warten? In einem Restaurant mit angeblich 1600 Sitzplätzen? Vielleicht am Wochenende, aber doch nicht am Montag Abend! Dachten wir. Fehlgedacht! Es war voll! Sogar knallvoll! Zum Glück aber sind wir dem Rat gefolgt und ganz gegen unsere Gewohnheit doch schon gegen 19 Uhr im Chartier eingetroffen. Als wir gingen bevölkerten die Wartenden den Eingangsbereich.

 

Aber bleiben wir chronologisch. Die Drehtür zum Restaurant ist die erste Prüfung, die der hungrige Gast zu bestehen hat. Sie sieht groß genug für zwei Personen aus. Ist sie aber nur fast. Schwer an der Drehtür ruckelnd, immer wieder hängenbleibend und mit saudämlichen Gesichtsausdruck stolperten wir in das historische Lokal. Mit brennenden Hacken, weil mir meine Herzallerliebste herzallerliebst in dieser Drehtür sowohl die Socken als auch die Schuhe und Teile der Haut nach unten getreten hat, verharrte ich einen Moment, um die gewaltige Kulisse auf mich einwirken zu lassen. Ein riesiger Raum in faszinierendem Jugendstildekor mit einer Empore an der einen Seite, wimmelnd von Menschen, raubte mir den Atem. Meine Liebste stupste mir unsanft in die Seite. Das hatte immerhin den Vorteil, dass der Schmerz an den Hacken nicht mehr so dominant war. Der Grund für diesen zweiten körperlichen Angriff war ein heftig winkender Kellner irgendwo vor uns in der Mitte des Saales. Keine Frage – der meinte uns. Im Zickzack zwischen den hin- und herwieselnden Kellnern liefen wir auf ihn zu. Kurz vor dem Aufprall winkte er uns nach links weiter und rief irgendwas von „Escalier“ und „Première Étage!“. Aha! Also die Treppe rauf in die erste Etage, die eigentlich viel mehr eine Empore ist. Hier ist alles sehr viel übersichtlicher, da deutlich schmaler. Ein enger Mittelgang und rechts und links von ihm die Tische. Tischchen, um genau zu sein, aber das ist in Paris ja ohnehin üblich. Da auf der Treppe ein mit Tellern beladener aber dennoch grinsender Kellner nach einem erfolglosen Versuch, uns über das Geländer zu stürzen, heftig mit dem Kopf wackelnd auf den Emporenraum deutete, waren wir wohl richtig. Waren wir, denn weiter hinten wedelte ein weiterer Kellner mit den Armen und gestikulierte uns von weitem an zwei Plätze an einem Vierertisch. Sehr viel mehr war auch nicht frei auf der Empore. Der Tisch hatte die Standardausrüstung: Tischdecke aus Stoff, darüber eine einfache weiße Papierdecke in Tischplattengröße, Besteck, Servietten, Gläser, Aschenbecher, Pfeffer und Salzstreuer.

 

Soooo, unseren Platz hatten wir also. Nun konnte man ja mal ganz in Ruhe an das Festmahl denken. Von schräg hinten schlenzte mir der Kellner geschickt die Menükarte über die Schulter, ein zweites Blatt landete galant auf dem selben Wege vor meiner Frau. Die Karten bei Chartier werden täglich neu zusammengestellt und gedruckt. Auf der einen Seite stehen die Speisen, aufgeteilt in Vorspeise, Fischgang, Hauptspeise, Gemüse (als Beilage oder auch solo als vegetarisches Essen) und schließlich die Nachspeisen. Auf der anderen Seite sind die Getränke aufgelistet. Problem für Parisbesucher aus dem Ausland: es gibt nur eine Karte in französischer Sprache. (Zumindest wurde bei unserem Besuch nur von der französischen Karte Gebrauch gemacht.) Grundkenntnisse, um eine Speisekarte entziffern zu können, sollten also vorhanden sein, denn den Kellner um Hilfe zu bitten, ist bei Chartier kaum möglich. Die Zeit können sie sich nur bei ganz schweren Fällen nehmen, um ganz große Katastrophen und internationale Krisen zu vermeiden. So wie am Tisch schräg gegenüber.

 

Als wir gerade saßen, wurden dort zwei nebeneinander stehende Zweiertische frei. Plötzlich brach eine enorme Hektik bei der Belegschaft aus, denn mehr als umgehend wurde neu eingedeckt, um dann schnell ein Pärchen japanischer Herkunft heranzuwinken. Unmissverständlich wurde auf den Tisch an der Wand gedeutet. Der jedoch gefiel den beiden aber nicht so. Sie setzten sich selbständig an den Tisch am Gang und platzierten ihr Gepäck auf den Stühlen an der Wand. Der junge Kellner, der dort zuständig war, versuchte formvollendet auf französisch parlierend, die Gäste auf das Missverständnis hinzuweisen, fand aber kein Gehör oder genauer: kein Verständnis. Unser Kellner von dem Kaliber „schon im Restaurant geboren und alles mitgemacht, dem kein noch so seltsames Verhalten unbekannt ist und nun kurz vor der Rente stehend“, der gerade an unseren Tisch treten wollte, ging geschwind hinüber, um die Lage zu klären. Weltmännisch multilingual vor sich hin brummelnd, zog er den Japanern die Stühle schlicht unter dem Allerwertesten weg und deutete wie die Freiheitsstatue (nur mit dem Arm schräg nach unten) so lange auf die beiden Stühle am Wandtisch, bis sich die Japaner dort kleinlaut setzen. Mittels lang eingeübter ausgefeilter Pantomime machte er dann klar, dass die Klamotten auf den Haken und das restliche Gepäck zwischen die Beine unter dem Tisch gehören. Den nun leeren Gangtisch rasch für die nächsten Besucher zurechtgerückt, die Menükarten wie gehabt mit kühnem Schwung vor die japanischen Gäste geschlenzt, trollte er sich eiligst wieder in unsere Richtung. Zwei junge Japaner blieben verschüchtert zurück und starrten auf die Karten mit für sie völlig unbekannten seltsamen Schriftzeichen. „Na denn Sayonara!“, schienen die Gesichter auszudrücken.

 

Der junge Kellner trat wieder an den Tisch der Inselreichbewohner heran, um die Bestellung flugs im Vorbeigehen entgegenzunehmen, musste aber feststellen, dass die beiden Asiaten so gar nichts mit der Karte anfangen konnten. Deshalb versuchte er, die Speisen auf englisch zu übersetzen, was ihm offensichtlich nicht mehr ganz so flott von den Lippen ging. Unser Kellner (wie schon gesagt: der alte Recke, der keine Krise nicht schon mehrmals erlebt hätte) stand inzwischen bei uns, ein Auge jedoch wachsam auf den Nebentisch gerichtet. Er seufzte gequält auf und sprang wieder zurück an den Tisch der Tenno-Untertanen, schob den jungen und völlig überforderten Kollegen zu Seite und machte eindeutig (Oh ja! Das mit den Gesten haben sie drauf, die Franzosen!) klar, dass Japaner prinzipiell weder Vor-, noch Nachspeisen verzehren und auch von Fisch mit Sicherheit, schon weil im Chartier nicht roh angeboten, nichts wissen wollen. Mit Nachdruck tippte er mit dem Finger auf die Stelle der Karte, auf der Steak/Frites stand. Die zierliche und nicht so krisenfeste Japanerin stimmte sofort zu. Ihr Begleiter jedoch begann, eine gewisse Renitenz zu zeigen und deutete seinerseits auf die Stelle, an der Tartare/Frites zu lesen war. Unser Kellner sah ihm streng lange in die Augen und schüttelte nachdrücklich mit dem Kopf. Doch der Japaner nickte ebenso nachdrücklich. Wieder aufseufzend akzeptierte unser Kellner widerwillig. Zu den Getränken wurde nur noch gefragt:„Alcohol?“. Nur darauf wartend, dass zumindest die Dame mit dem Kopf schüttelte, machte er sich dann ohne weiteren Kommentar schnellstens aus dem Staub.

 

Wieder stand er neben uns und wir gaben unsere Bestellung auf: Vor- und Hauptspeise – den Fisch schenkten wir uns und das Dessert wird ja ohnehin in La France erst nach dem Verzehr der Hauptspeise bestellt. Zum Pot-au-Feu und zum Chateaubriand passte ein kräftiger Roter. Das fand auch der Kellner und lobte uns mit einem schiefen Seitenblick in Richtung Land der aufgehenden Sonne. Die ganze Zeit schrieb er eifrig mit. Und zwar - auf der Tischdecke. So werden im Chartier die Bestellungen und später die Rechnungen geschrieben. Wer einen Beleg braucht für das Finanzamt, der kann ja die Tischdecke mitnehmen. Uns wurde klar, warum unser Kellner auch mit japanischen Gästen so gut zurechtkommt. Seine Schriftzeichen sahen verdächtig asiatisch aus. Es reichte nur für eine halbe Zigarette, als schon Wein und Vorspeisen auf dem Tisch standen. Mein lieber Freund! Organisieren können die wirklich bei Chartier!

 

Inzwischen bekamen auch die beiden jungen Japaner ihr Essen. Sie das Steak mit Pommes – er das Tartare mit den Fritten. Irgendwie hatte er sich aber wohl doch etwas anderes darunter vorgestellt, denn er machte ein Gesicht wie ein Samurai mit Harakiriabsichten, dem gerade sein Schwert geklaut worden war. Bewegungslos wie eine tönerne Buddhafigur starrte er auf seinen Teller und versuchte die Contenance zu wahren. Er fixierte das rohe durchgedrehte Rindfleisch und das ebenso rohe Ei mit heißem Blick, vielleicht, um sie so zum Garen zu bringen. „Ich weiß gar nicht, wo sein Problem ist, Sushi ist doch auch roh – ist eben zur Abwechslung mal ein Steaksushi!“ Meine Bemerkung von mir zu meiner Frau hörte auch der Kellner und deutete meine deutschen Worte offensichtlich richtig, denn er rollte mit den Augen und nickte grinsend. Er wisperte zu uns im Vorbeigehen ein „Je vais aider!“ zu und trat an den Tisch des Unglücklichen. Er schob den verzweifelten Asiaten leicht mit dem Stuhl zur Seite, zog sich den Teller herüber und fing an, das Tartare unter heftiger Abgabe von innigen Geräuschen, die den Wohlgeschmack dieser Speise unterstreichen sollten, mit der Gabel durchzumanschen zuzubereiten. Das fertige Tartare schob er dann dem Japaner wieder hin und machte durch Fingerzeige auf seinen Mund, Kaubewegungen und kreisförmiges Reiben der rechten Hand auf seinem Bauch klar, dass nun das Schlemmen losgehen könnte. Der Sohn der Mitte blickte auf die durch das Ei nun leicht glitschig/glänzende Masse, die zugegebenerweise irgendwie Kittekatt-artigen Charakter bekommen hatte, und schüttelte langsam seinen Kopf so, dass dadurch alles Leid dieser Erde deutlich wurde. Voller Resignation deutete er auf den Teller seiner Frau, dann auf sich und nickte dabei, zeigte dann auf das Tartare und begleitete dies durch Kopfschütteln. Der Kellner, inzwischen in seiner Ehre ob der Missachtung seiner Zubereitungskünste für Tartare etwas verstimmt, murmelte etwas, dass sich sehr anhörte wie „Hab ich ja gleich gesagt!“, und verzog sich.

 

Wenig später kehrte er mit einem zweiten Teller Steak/Frites zurück, um gerade noch zu beobachten, wie die junge Japanerin todesmutig ein Gäbelchen voll Tartare kostete, wohl um die angespannte Lage in den französisch/japanischen Beziehungen irgendwie auf diplomatischem Wege zu kitten. Den Teller vor den Japaner stellend, schaute er die Dame gespannt an und fragte: “Alors?“. Diese schaute ihn mit diesen unvergesslich charmanten und unendlich traurig lächelnden Mandelaugen an und schüttelte langsam den Kopf mit einem ehrlich bedauernden Schulterzucken. Der Kellner nickte nur zwei mal ergeben und wandte sich, die Resignation aus allen Winkeln seines Körpers herausschreiend, ab. Wahrscheinlich, um uns schnell wieder die Menükarte zwecks Auswahl des Desserts vorzulegen und wahrscheinlich auch, um weitere Risse in den bilateralen Beziehungen zwischen la France und Nippon zu vermeiden.

 

Für uns gab es dann noch Sorbet nach Art des Hauses und das Glace Mystère und natürlich hinterher den unvermeidlichen Kaffee. Das Glace Mystère war eigentlich nicht unbedingt so mystisch, wie der Name andeutete. Es handelte sich um eine große Kugel Vanilleeis, in der innen ein Stück Baiser versteckt war und die abschließend in Krokant gewälzt wurde. Aber offensichtlich reizte diese hellbraune Kugel auf meinem Teller den Japaner zu einer für seine Lage wirklich mutigen Reaktion: er winkte den jungen Kellner an seinen Tisch, deutete auf mein Glace Mystère und nickte heftig. Der Kellner drehte sich um, suchte das mögliche Ziel des Fingerzeigs, entdeckte ebenfalls meine bräunliche Eiskugel, machte einen Schritt auf mich zu, und fuhr explosionsartig seinen Arm mit daran hängendem ausgestrecktem Finger in Richtung meines Desserts aus. In einer für mich wirklich ungewöhnlich kurzen Reaktionszeit konnte ich gerade noch meinen Teller wegziehen, um zu vermeiden, dass der Kellner mit seinem Finger meine Eiskugel aufspießte. Doch das glückliche Glucksen des Japaners, das strahlende Lächeln seiner Frau und das heftige Nicken beider unter lauten „Hei!“ Rufen entschädigten mich für den Fingerangriff. Schließlich war ich Zeuge, wie sich Frankreich und Japan wieder annäherten und die politischen Beziehungen beider Großmächte auf eine freundschaftliche Basis zurückführten. Und das war’s doch wohl wert, oder?

 

Als wir zahlen wollten, wurden ein junges Italienerpaar auf Hochzeitsreise zu uns an den Tisch gesetzt. Mit etwa dem gleichen Gesichtsausdruck, wie vorher die Japaner, betrachteten sie die Karte. Als sie merkten, dass wir uns ganz gut mit dem Kellner verständigen konnten, baten sie uns um die Übersetzung des Wortes Kalbfleisch auf Italienisch. Das ging ganz einfach, indem der junge Gatte einfach auf „Filet de Veau“ deutete und mit fragendem Gesichtsausdruck „Porc?“ artikulierte. Ich konnte zwar mit dem Kopf schütteln und damit klar machen, dass es kein Schweinefleisch ist, aber was um alles in der Welt heißt Kalbfleisch auf Italienisch? Ich wühlte mein Pizzaria-Italienisch durch und kam zu keinem Ergebnis. Also dachte ich mir: „Nun, lieber Bernard, musst du mal wirklich kreativ sein!“ Mit dem Mut eines Tigers lächelte ich zu dem jungen Glück hinüber und posaunte mit dem Brustton der Überzeugung: „Bambini-Muh!“ Es hat funktioniert.

 

Was ich aber eigentlich mit diesem Text sagen wollte: das Essen im Chartier ist bürgerlich bis Hausmannkost - typisch Pariser Art und für Parisfreunde, die nicht nur Haute Cuisine schlemmen wollen, wirklich zu empfehlen. Die Qualität ist sehr gut. Wer allerdings ins Chartier kommt, um dort gemütlich und in Ruhe echt französisch ausgiebig  und ohne Eile zu essen, der wird sich hier nicht so wohl fühlen, denn so flott, wie hier gearbeitet wird, traut sich niemand, hier länger zu sitzen, wie es für die Einnahme der Mahlzeit wirklich notwendig ist. Auch ganz ohne Französischkenntnisse wird die Speisenauswahl eher zum Glücksspiel, wenn man nicht gerade Steak/Frites oder Hamburger essen möchte.

 

Für uns hat es sich auf alle Fälle gelohnt. Denn sonst wäre diese Geschichte ja nie entstanden. Und meine Frau hat noch immer mal zwischendurch diese unkontrollierten Heiterkeitsanfälle, die ja, wie wir alle wissen, dem Körper sooo gut tun. Wenn ich sie dann frage, was denn nun schon wieder los sei, kommt regelmäßig unter sinnlosem Rumgepruste das Wort „Bambini-Muh!“. Warum eigentlich immer ich? Warum??????

 

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