Das Café Etienne

 

Manchmal stößt man eher zufällig auf ein Lokal, das im ersten Moment nicht gerade der absolute Überknaller ist. Es wird auch nie ein Überknaller werden – aber man beginnt, es ins Herz zu schließen, weil es sich einfach so aus der Situation heraus ergibt. Meine Situation war die, gerade frisch operiert worden zu sein und nichts Großartiges mehr in Paris unternehmen zu können. Ich hatte es aus dem Hôtel Dieu gerade so geschafft, ohne wesentliche Zwischenfälle in unser Appartement zu kommen und dabei gemerkt, dass mich in der nächsten Zeit auch eine schlichte Metrofahrt schon eine Menge Kraft kosten würde. Ich beschloss deshalb, meinen Aktionsradius bis auf wenige zwingende Ausnahmen auf unser Haus zu beschränken. Der Vorteil unserer diesmaligen Bleibe in Paris: unten drin war ein kleines Café. Und wann immer wir auch kamen und gingen, das Café war geöffnet: am frühen Morgen, in der späten Nacht und 7 Tage in der Woche. Das klingt doch schon mal sehr sympathisch, oder?

 

Das Café befindet sich genau vor den Stufen hinunter zur Metrostation Etienne Marcel. Man kann oben an der Treppe noch nicht einmal richtig hinfallen, ohne sich dann gleich im Café zu befinden, so nah liegt es. Für Pedanten: es ist das Eckhaus Rue de Turbigo/Rue Pierre Lescot und trägt die Hausnummer 14. Hier beginnt die Fußgängerzone rund um das Forum des Halles und hier gibt es auch eine Menge Lokale aller Art, vor allem typisch touristischer Art. Man findet in dieser Gegend die ehemals historischen Hallenbistros, z.B. Au Père Tranquille, die inzwischen sowohl die Preise als auch die Sitzplätze auf der Terrasse erhöht haben. Eine ganze Reihe diese Lokale haben eine Nachtkonzession, es lohnt sich also, sollte der Magen mitten in der Nacht knurren, hier her zu kommen. Aber nur, wenn das Geldsäckchen noch ordentlich gefüllt ist, denn die Preise haben sich den Möglichkeiten der Gäste angeglichen. Und Touristen sitzt das Geld nun mal bedeutend lockerer wie früher den Markthändlern. 

 

Das Café Etienne ist ein Ausnahme. Hier ist der Kaffee mit lächerlichen 2 Euro* am Tisch auf der Terrasse noch wirklich preiswert und den Absacker am Abend in Form eines Longdrinks oder Cocktails gibt es hier zu traumhaften 5,50 Euro*. Auch was das Ambiente betrifft bildet das Lokal eine Ausnahme: keine Hochglanzmöbel, keine innenarchitektonische Spitzenleistung mit dem Flair eines Tiefkühlfaches. Kurz: es sieht schon nach vielen Jahren intensiver Nutzung aus. Und das ist wohl auch so. Jeden Mittag zwischen 12 und 14 Uhr und jeden Abend zwischen 20 und 22 Uhr ist hier alles voll besetzt mit Leuten, die in der Umgebung arbeiten oder leben, denn hier kann man ausgesprochen gut und preiswert essen. Für runde 10 Euro* kann man hier wirklich ordentlich essen. Das unvermeidliche Entrecôte-Frites mit Salatbeilage kostet 13 Euro* und ist sein Geld wirklich wert. Das Fleisch hat seinen kleinen Fettrand und sein unbedingt notwendiges Fettauge in der Mitte. Wer sich auskennt und nicht nur Modisches nachplappert, der weiß, dass nur ein solches Steak wirklich saftig und schmackhaft sein kann. Es wird ja niemand gezwungen, das Fett auch mitzuessen. Jeder Tag im Café beginnt damit, dass der Koch seine tägliche Lebensmittellieferung überprüft und einräumt und dabei in ein abgegriffenes Schreibheft die Tagesgerichte notiert und kalkuliert. Wenn er damit fertig ist, macht er Frühstück und schaut zufrieden um sich, während alle anderen Mitarbeiter sich Tafeln schnappen und mit Kreide die Tagesgerichte aufschreiben. Der Koch hat übrigens was von Mike Tyssen als er noch ein berühmter Boxer war: genauso durchtrainiert und muskulös, nur netter, größer und etwas breiter.

 

Das Lokal ist also ein typisches Ecklokal. Die lange Seite liegt schon in der Fußgängerstraße Pierre Lescot und dort ist auch die große Terrasse, auf der geraucht werden darf. Innen im Lokal ist das natürlich wie überall in Frankreich verboten. Allerdings sollten sich militante bzw. intolerante Nichtraucher doch ein anderes Lokal suchen, denn ein Großteil der Scheiben zwischen Terrasse und Innenraum sind geöffnet und der Rauch zieht dann natürlich überall hin. Die Terrasse ist ausgestattet mit 3 riesigen Gasheizern – hier ist es also auch im tiefen Winter mollig warm. Wer direkt unter so einem Heizer sitzt, ist etwa in 20 Minuten gar. Im vorderen Teil des Innenraumes zur Rue de Turbigo hin befindet sich dann die Bar und dahinter die Küche.

 

Vom Personal her ist das Café Etienne ein typisches Studentenlokal: junge Leute, die nicht unbedingt Vollprofis in der Gastronomie sind, dafür aber sehr nett und natürlich. Zum Essen rate ich dazu, sich einen Tisch im Inneren des Lokales zu suchen, weil man da etwas mehr Platz hat. Wen größere Enge nicht stört, der kann aber auch gerne auf der Terrasse bleiben.

 

Wir saßen gerne drinnen, denn ich hatte auch noch etwas Angst, dass jemand an mein empfindliches Bäuchlein mit den 3 frischen Narben stoßen könnte. Und hier war es dann auch, wo wir Klaus kennen lernten. In deutschen Lokalen würde man so einen Typ wohl nur recht selten zu Gesicht bekommen. Hier in Frankreich, vor allem in Paris, gibt es solche Gäste doch ziemlich oft. Schon deshalb, weil die Lokale Tag und Nacht geöffnet haben und weil die Türen eigentlich immer weit offen stehen und deshalb auch jederzeit jeder hinein kann. Eigentlich wissen wir gar nicht, ob er wirklich Klaus heißt. Wahrscheinlich eher nicht – schließlich ist er Franzose. Wir haben ihn so genannt. Irgendwann, als wir gerade am essen waren, bemerkten wir ihn. Gleich neben unserem Tisch saß er und schaute uns an. Und man musste schon ziemlich abgebrüht sein, um seine braunen Knopfaugen, die sich auf unser Brot hefteten, nicht zu bemerken. Schnell landete ein kleiner Krümel auf dem Boden. Aber Klaus verlor nicht die Contenance. Er tat so, als ob er es gar nicht bemerkt hätte. Schaute hierhin und dorthin, putze sich ein imaginäres Staubkörnchen ab und kam dabei völlig unabsichtlich dem Krümel immer näher. Er nahm es hoch, setze sich auf, nahm das Krümelchen zwischen seine Pfoten und knabberte es so ganz in echter Mäusemanier genüsslich auf. Er sah wirklich kuschelig weich aus, war winzig klein, kleiner als wir sonst so Mäuse in unserem Leben gesehen hatten und war edel braun gefärbt. Und er hat uns wirklich viel Freude gemacht, wenn er genau bemerkte, ob wir nur etwas tranken oder auch aßen. Er tauchte nur auf, wenn wir aßen. Und wir haben immer auf den Moment gewartet, wenn junge Frauen genau an der Stelle auf der Lederbank an der Wand saßen, unter der (oder sogar vielleicht ‚in der’?) er wohnte. Wird er auftauchen? Und werden die Damen ihn bemerken? Und was passiert dann? Aber er ließ sich immer nur dann sehen, wenn wir dort allein saßen und ließ sich dann genüsslich füttern. Die Crew hinter der Bar hat es schnell bemerkt, mit wem wir uns so erfreut beschäftigten. Ab dann wurden wir ein wenig mehr wie Stammgäste behandelt.

 

Klaus, die Maus war nicht der einzige tierische Gast. Wenn wir auf der Terrasse saßen, z.B. weil immer am Donnerstag Abend regelmäßig ein kleines Konzert gegeben wird und die beiden Musiker dann auf unseren Plätzen drinnen saßen, dann fütterten wir mit Begeisterung die Spatzen, die immer zahlreicher eintrafen, sobald sie bemerkten, dass hier jemand Probleme hat, die kleinen Viecherl zu ignorieren.

 

Wer noch gerne einen Blick auf die kleine ständige Speisekarte (zur Erinnerung: eine weitere Speisekarte mit 6 bis 8 Tagesgerichten wird täglich neu zusammengestellt) werfen möchte, der darf nun hier klicken:

 

Die Speisekarte des Café Etienne

 

Und nun noch einmal die Fakten:

 

Name:                         Café Etienne

Adresse:                      14, rue de Turbigo

                                  754001 Paris

Telefon :                      01 42 36 79 46

Metro :                        Etienne Marcel

Öffnungszeiten:            täglich 6 Uhr bis 2 Uhr (also 20 Stunden am Tag!!!)

Besonderheiten:            Nach 22 Uhr wird auf jedes Getränk ein Aufpreis von 50 Cent erhoben.

 

 

 

 

*Alle genannten Preise Stand: Herbst 2009