Die Pariser und ihre Ausstellungen

Paris ist immer ein Ziel. Auch bei echtem Sch...wetter gibt es unter Dach und Fach mehr zu sehen, als in der Zeit des Aufenthaltes zu schaffen ist. Was? Na Kirchen, Museen, Galerien und vor allen Dingen Ausstellungen.

Und zu Ausstellungen haben Franzosen ihre ganz besonderen Beziehungen. Wie das Aussehen kann, wollen wir Ihnen anhand persönlicher Beobachtungen bei der Ausstellung Matisse-Picasso 2002/2003 berichten.

Das Abenteuer Kunst beginnt schon vor dem Betreten des Palais. Lange Schlangen künden von der Attraktivität der Ausstellung. Reihen wir uns also ein. Quälend langsam geht es voran, da immer nur eine Handvoll Kunstbegieriger eingelassen wird. Und schon hier lernen wir eine französische Eigenart kennen. Égalitée - Gleichheit! Welch schönes Wort der Grande Nation! Nur gibt es auch hier einige Menschen, die gleicher sind. Sie gehen an der Schlange vorbei, ohne auch nur einen Blick auf diese armen Wichte zu verschwenden, wispern einige Worte mit dem Türsteher, zeigen ein Kärtchen oder ein Schreiben und werden demütig und ehrerbietig eingelassen. Danach wächst derselbe Türsteher wieder um etwa zwei Meter und schaut wie vorher, mit einer Mischung aus Hochmut und Abscheu, auf die Schlange. Diese Menschen, die da mit Ehrenbezeugungen und Bücklingen vorgelassen werden, haben Beziehungen. Sie kennen jemanden, der wiederum jemanden anders kennt und dieser konnte managen, dass der erste Jemand nicht dieser Demütigung des Schlangestehens ausgesetzt wird. Diese Form der Vetternwirtschaft, die man in Frankreich Beziehungen nennt, gibt es in jedem Bereich des Lebens. Und sie wird akzeptiert als Teil der französischen Kultur. Deshalb stehen eben in der Schlange im Wesentlichen Touristen und Franzosen niederer Abstammung, die noch nicht mal über ihren Abgeordneten eine Sondereintrittsberechtigung erhaschen konnten.

Weiter geht's! Wir betreten das Grand Palais. Zunächst müssen wir einen Metalldetektor durchschreiten. Jegliches aus Metall muss also zuvor abgelegt werden. Und wenn das Ding dennoch piepst, dann wird eben weiter abgelegt. Bei mir hat es gepiepst. Wegen der Minikamera am Gürtel. Meine entsprechende Erklärung löst Panik und Entsetzen aus. Eine Kamera! In dieser Ausstellung! Dabei ist doch das Fotografieren streng verboten! Ich will ja auch gar nicht fotografieren! Aber als Wanderer durch diese grosse Stadt ist eine Kamera eben normal! Nach langer Diskussion einigen wir uns darauf, dass die Kamera an der Garderobe abgegeben wird. In der ganzen Zeit dürfen die Beziehungsleute natürlich links am Detektor vorbeilaufen. Wir laufen brav auf die Garderobe zu und wenden uns dann, kurz vor dieser Garderobe, nach links zur Kasse. Wir entrichten den Obolus und fahren per Rolltreppe nach oben, wo der Rundgang beginnt. Hier ist auch der eigentliche Eingang. Dort wird die Karte in einem  Drehkreuz, das wir schon von der Métro kennen, entwertet. Wir sind die einzigen unter ca. 20 Personen. Die anderen dürfen wieder mal links am Eingang vorbei. Sch...beziehungen! Aber dafür hat keiner gemerkt, dass wir die Kamera gar nicht abgegeben haben! Monsieurdames vom Ausstellungsmanagement - ganz so helle seid Ihr auch nicht!

Wir flanieren nun durch die Räume und sehen uns die Bilder an. Und wieder stossen wir auf eine französische Spezialität. Während in Deutschland Kunstausstellungen durch eine Ruhe gekennzeichnet sind, die sehr an das Urnenhaus auf dem Friedhof Père Lachaise erinnert, tobt hier das pralle Leben. Führer versuchen sich gegen die Führung 3 Meter weiter lautstark durchzusetzen, Einzelbesucher diskutieren wort- und gestenreich über die Werke. Und zwischendurch toben Kinder und verwandeln diesen heiligen Ort in eines der wertvollsten Hasch-Mich-Areale unserer Zeit! Immerhin haben dadurch die Bewacher, die alle 5 Meter mit Argusaugen das wertvolle Gut sichern, was zu tun. Sie beschäftigen sich damit, die kleinen Monster davor zu bewahren, in eines der Bilder zu fallen. Schliesslich könnten sie sich sonst verletzen. Bilderrahmen haben unverantwortlich spitze Ecken!

Sind wir dann am Ende unseres Rundganges angelangt, dürfen wir uns noch mit völlig überteuerten Merchandising-Artikeln eindecken (Schau mal an! Das können sie, die Franzosen!). Erstaunlich, was man so alles mit Repliken der weltberühmten Werke bedrucken kann. Selbst das Verbinden von Hongkongware mit Matisse oder Picasso wird ohne Hemmungen bis zum Exzess ausgereizt!

Und dann stehen wir wieder draussen. Und gehen erst mal einen Kaffee trinken. Wir hängen schweigend unseren Gedanken nach: Jetzt werden wir zu den erlauchten Menschen gehören, die diese Ausstellung gesehen haben! Also Ansichtskarten raus und allen Verwandten und Bekannten mitgeteilt, was für Kunstkenner Madame Réginà und Monsieur Bernard doch sind! Und ins Internet schreiben wir das auch! Soll die Welt endlich wissen, dass wir ab jetzt Intellektuelle sind. (Ist Intellektuelle so richtig geschrieben?)

Genug gekünstelt? Dann geht es hier zurück zur Seite Paristoires!