Circulation

Seit kurzem gibt es in Paris eine Art von Verkehrspolizei. Sie unterscheiden sich von den Flics durch weisse Mütze und weisses Hemd bzw. Jacke. Die uniformierten Flics sind fast ausschliesslich dunkel gekleidet. Auf der Mütze und dem Hemd steht das Wort Circulation, welches in etwa Verkehrsfluss bedeutet. Diese Verkehrspolizisten stehen immer an einem Ort, denn jeder hat seinen Stammplatz, der in der Regel eine belebte Kreuzung ist. Läuft alles normal, stehen sie am Rand und lauschen ihrem Funkgerät, die Augen verträumt auf die Strasse gerichtet. Geht jedoch ein Fussgänger direkt neben ihnen bei Rot über die Strasse, dann - - - drehen sie sich rasch weg und betrachten interessiert irgendein falsch parkendes Auto. Dieses Auto wird jedoch ebenso wenig Anlass für irgendeine Aktion. Mais sacré bleu! Was tun die dann eigentlich?

Alors, sie haben zwei Hauptaufgaben. Die eine ist der mutige Sturz in den fliessenden Verkehr, um diesen zu stoppen, wenn eine Kolonne von Fahrzeugen mit Blaulicht und Sirene sich nähert, damit diese schnell die Kreuzung passieren kann. Solche Kolonnen sieht man oft in Paris. Vor allem an der Kreuzung Quai St. Augustin/Boul' Mich', aber auch anderswo. Manchmal fahren sogar wild trillerpfeifende weisse Mäuse vorweg. Passieren denn so viele schreckliche Verbrechen in Paris, weil ständig ganze Überfallkommandos durch die Stadt rasen? Pas du tout, liebe Wissensdurstige! Diese Kolonnen sind lediglich Personentransporte. Leider nicht von der Consièrgerie bis zur Place de la Concorde (Insiderwitz!), sondern nur, um Politiker oder hohe Beamte von einem Ort zum anderen zu bringen. Diese Begleitfahrten, die in der Regel den zivilen Verkehr zusammenbrechen lassen, gehören zu den beliebtesten Privilegien von mehr oder weniger wichtigen Regierungsmitgliedern.

Doch zurück zu den Circulationbeamten an der Kreuzung. Ihre zweite Aufgabe ist es, für fliessenden Verkehr in den Stosszeiten zu sorgen. Stockt die Autoschlange, fangen sie an zu trillern und wild mit den Armen zu wedeln. Allerdings erfordert die motivierende Aufgabe höchste Konzentration, denn die Signale der Verkehrsampeln sind trotz rumwirbelndem Verkehrspolizisten nicht ausser Kraft gesetzt! Das wissen aber nicht alle. Und wenn die Ampel auf Rot springt, der Beamte aber immer noch seine Freiübungen zwecks Forcierung des Verkehrs macht, dann wird eben weiter gefahren. Fahren tun aber auch die Autos, die nun Grün haben und die Kreuzung von der anderen Seite überqueren wollen. Wie das harte Leben so spielt, treffen sich alle in der Mitte der Kreuzung, manchmal gestoppt durch den Kotflügel eines anderen Fahrzeuges. Nun steht der Verkehr von allen Seiten. Die Fahrer reissen die Türen auf, hechten aufeinander zu, wie Freistilringer, brüllen, was die Lungen hergeben und fuchteln mit den Armen wie Muhammed Ali in alten Zeiten beim Sparring. Irgendwann wird klar, wer der eigentlich Verursacher des Chaos ist. Suchend blicken die Protagonisten in der Mitte der Kreuzung um sich. Doch der Verkehrspolizist hat sich schon vor Minuten unauffällig aus dem Staub gemacht und beobachtet, gut getarnt in einem Hauseingang stehend, das Gewühl. Also beruhigen sich die Autofahrer, tauschen Versicherungsnummern aus, fluchen über den Staat und seine Beamten, steigen wieder ein und lösen durch geschicktes Rangieren das Knäuel auf. Plötzlich läuft der Verkehr wieder. Und auch der Verkehrspolizist steht wieder an seiner Kreuzung. Bis die Autoschlange wieder einmal stockt und er beginnt, wild zu trillern und mit den Arme zu wedeln... Aber das kennen wir ja schon.

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