Paristoires

(Geschichten aus einer großen Stadt)

 

PAHLEH WUH FROSSEH?

Wie kommt es eigentlich, dass die Franzosen in der Pisa-Studie erheblich besser weggekommen sind, wie die Deutschen? Geht man mal von den Fremdsprachenkenntnissen aus, dann kann das doch wirklich nicht so weit her sein mit der Intelligenz.

Vorsicht! Solche Gemeinplätze können arg ins Auge gehen! Nähern wir uns dem Problem Fremdsprachen bei Franzosen mal von der schulischen Seite her an. Ähnlich wie in Deutschland ist auch in Frankreich Englisch erste Fremdsprache, dann folgt schon Deutsch, aber doch erheblich seltener, da statt Deutsch als zweite Fremdsprache erheblich öfter Latein als Grundlage für einen späteren Universitätsbesuch gewählt wird. (Ein Franzose, der eine der Eliteschulen besucht, kann sich sogar in der Regel in mindestens drei bis vier Sprachen orientieren!) Grundsätzlich also müssen wir konstatieren, dass die Franzosen in etwa dem gleichen Verhältnis Fremdsprachen beherrschen, wie wir Deutschen. Tja - warum merkt man das nur nicht, wenn man vor Ort ist?

Tatsache ist, dass fast alle Hinweisschilder (zum Glück tritt gerade eine leichte - ganz leichte - Änderung ein) ausschliesslich auf Französisch gehalten sind. Auch die touristischen. Die berühmte Lautsprecherdurchsage in den Metrobahnhöfen, man möge auf seine Sachen achten wegen der zahlreichen Taschendiebe, ertönte bis vor kurzem nur in Französisch, bis man sich erbarmte, diesen Hinweis zumindest in von Touristen stärker benutzten Bahnhöfen auch in Englisch durchzusagen. Aber die Franzosen selber ignorieren oft in fremder Sprache gestellte Fragen, abgesehen von den Geschäftsleuten, die ja den nachvollziehbaren Grund haben, ein Geschäft machen zu wollen. Und wenn mal ein Franzose Englisch oder Deutsch spricht, dann klingt das immer noch wie Französisch. Diese Form der Aussprache Akzent zu nennen, ist schon eine schamlose Untertreibung.

Wenn die Mesdames und Monsieurs also eigentlich sehr wohl können - dann kann das Problem dann ja nur noch am Wollen liegen. Gut geschlussfolgert und messerscharf formuliert, lieber Leser! Die Abneigung gegen Fremdsprachen hat was mit la Gloire in der Grande Nation zu tun. Dem Stolz des Franzosen auf seine Nation und die Überzeugung, dass Frankreich nach wie vor der Nabel der Welt sei. Es herrscht die allgemeine Überzeugung, dass ein Ausländer, der nach Frankreich kommt, eben Französisch zu beherrschen hat, sonst hat er hier nichts zu suchen. Das hält natürlich den Franzosen nicht davon ab, weilt er selber mal im Ausland, mit absoluter Selbstverständlichkeit davon auszugehen, dass ein jeder, den er anspricht, Französisch kann. Diese Auffassung, dass der Nabel der Welt der metallene Punkt auf dem Vorplatz der Kathedrale Notre Dame ist, von dem aus auch alle örtlichen Entfernungen in Frankreich gemessen werden, verblasst zum Glück ein wenig bei der jüngeren Generation. Oh nein! Nicht, weil sie aufgrund moderner Bildung den Rest der Welt als ebenso wichtig wie ihre eigene Nation ansehen! Eher liegt es an den Trends, die im Wesentlichen aus den Vereinigten Staaten kommen und auch das kleine Frankreich überschwemmen. Und da die Modeworte eben samt und sonders aus dem Lande kommen, in welchem Kaugummi, Hamburger und Coca Cola mangels anderer Alternativen zum Kulturgut gehören, muss auch der französische Trendsetter eben wenigstens eine Grundausstattung angelsächsicher Sprachen beherrschen.

Aber ein ganz klein wenig bleibt la Gloire doch Sieger im Generationenkampf. Zunächst einmal werden englische Begriffe und Namen grundsätzlich französisch ausgesprochen. Kostprobe? Bitte sehr! Situation: TV-Werbung. Geworben wird für einen Haartrockner der weltbekannten Marke Brohn. Wie? Kennen Sie nicht? Brohn? Wetten doch!!! Das ist lediglich die französische Aussprache für Braun. Ausserdem werden viele Worte, selbst wenn sie weltweit zum allgemeinen Sprachgebrauch gehören, mit einem eigenen französischen Ausdruck bedacht. So sitzt man eben am Ordinateur und lässt sich nicht vom Portable stören, nur weil ein Freund mitteilen möchte, dass er einen neuen Magnétoscope sein Eigen nennt. Kapiert? Nö? Gemeint sind PC, Handy und Videorecorder. Selbst der Trendsetter ist in la France kein solcher, sondern nach wie vor und auch zukünftig ein Branché.

Die Academie Francaise sorgt dafür, dass zumindest auf Hochfranzösisch Amerikanismen tabuisiert und ausgetauscht werden, wenn es denn gar nicht anders geht. Ehrlich! Das Gesetz, aber auch der Franzose, der was auf sich hält, ordnet Amerikanismen in die unterste Schublade des sozialen Abstiegs ein. Verstehen wir uns? Das ist wirklich so drastisch gemeint, wie es klingt!

Fazit: Der Autor klingt empörter, wie es seine eigene Auffassung ist. Mal ganz ehrlich: in Deutschland sind wir schon mit diesen unsäglichen Amerikanismen so weit, dass viele Menschen, besonders, wenn sie der älteren Generation angehören, schon ausgegrenzt werden, weil sie kein oder nur wenig Englisch können. So manch einer sucht verzweifelt auf deutschen Bahnhöfen die Auskunft oder wenigstens einen Schalter mit dem internationalen Wort Information. Aber leider ist dieser verschwunden. Das Ding heisst jetzt Servicepoint. Aber sie können sicher sein, dass die Menschen dahinter noch immer keine (und seit der immer undurchsichtigeren Preispolitik der Bahn weniger denn je) Ahnung haben.

Sicher - vielleicht übertreiben es die Franzosen, wenn sie fremdsprachliche Ausdrücke regelrecht verbieten. Es klappt ja auch nicht mehr so, denn die Trends gewinnen mehr und mehr an Gewicht. Aber irgendwie beneiden wir sie doch - diese Menschen.