Paristoires

(Geschichten aus einer großen Stadt)

 

Die Franzosen und die Höflichkeit
 

Bei jedem Satz, der an eine Person gerichtet wird, wird ein 'Monsieur' oder eine 'Madame' (Mademoiselle ist auch im Lande von l'amour immer weniger gebräuchlich) angefügt. Nie wird ein freundliches "s'il vous plait" vergessen. Das Wort "Pardon" ist eines der meistgebrauchten. Gutes Benehmen, Etikette und vor allem eine gepflegte, allen Regeln der Höflichkeit gerechte Unterhaltung ist obligatorisch. Mit einem Satz: Frankreich ist wohl das best erzogene und höflichste Land der Welt. Ach ja? Oh la la - wieder mal einem der unzähligen Vorurteilen aufgesessen. Pardon Madame - pardon Monsieur: voll daneben gehauen!

All die oben aufgezählten Dinge sind dem guten Franzosen seit frühester Kindheit antrainiert und werden schnell zum Automatismus. Und so passiert es dann eben auch täglich - stündlich - minütlich in la France. Und ebenso oft wird irgendwo in Frankreich wieder einmal ein lieber Mitmensch mittels roher Ellenbogengewalt an die Seite gedrängt, ein Anderer als dumm und primitiv bezeichnet (nein - nicht ihm wird es gesagt, es wird allen gesagt, nur ihm nicht), weil er möglicherweise die Regel verletzt hat, nie über die eigene politische Meinung zu reden. Oder er hat gar über ein familiäres Problem ("Meine Frau/mein Mann betrügt mich...") geplaudert! Mon dieu! Quel fauxpas! Und schon ist man in den Augen der Franzosen ein Barbar ersten Ranges ohne Erziehung und Feingefühl. Aus dieser Schublade wieder hervorzukriechen, bedeutet für diesen armen barbarisch eingestuften Unwissenden eine fast übermenschliche Anstrengung.

Höflichkeitsfloskeln und (weit seltener erlebt) Höflichkeitsaktionen ("Nach Ihnen, Madame!) sind einfach nur angelernt und werden ohne echte Absicht praktiziert, ohne dies auch nur im Geringsten wirklich ernst zu meinen, geschweige denn, ernsthaft zu wissen, was das ganze Getue eigentlich soll. Ansonsten herrscht das Recht der/des Stärkeren und vor allem eine manchmal wirklich impertinente Überheblichkeit. La Grande Nation ist eben der Nabel der Welt und alles andere nur Drumherum oder oftmals kurzerhand eingestuft als nackte Barbarei.

Wer dies weiss, kann diese menschliche und tagtägliche Komödie jedoch auch für sich hemmungslos nutzen. Das hat zwar mit Stil und Höflichkeit ebenso wenig zu tun, die ganze Sache bekommt dann aber wenigstens Sinn. Also: mit fremden Menschen (und fremd sind alle Personen, die nicht zum allerengsten Freundeskreis oder zur Familie gehören!!!) wird nie über Gefühle, politische Einstellungen und Vorkommnisse privater Art geredet! Wenn über Privates getratscht wird, dann über die privaten Katastrophen von Menschen, die gerade mal nicht anwesend sind. Einladungen werden nie in der eigenen Wohnung erledigt, sondern grundsätzlich in einem Restaurant. (Ausnahme wieder allerengste Freunde und Familie). Lieber zehn Mal mehr, als ein Mal zuwenig die Wörtchen pardon, s'il vous plait, Madame und Monsieur einstreuen.

Mit diesen Regeln fällt man schon mal nicht mehr beim ersten Satz dumm auf. Regelrechtes Erstaunen und tiefe Verunsicherung verursachen jedoch in Frankreich kaum noch zu findende Verhaltensweisen, wie das Grüssen von Mitbewohnern im eigenen Wohnhaus, das Offenhalten der Tür für völlig fremde Damen, das Aufsuchen heruntergefallener Dinge für Menschen, die man gar nicht kennt. Die Liste der Aktionen ist lang, beginnt mit einem Lächeln und endet beim Herauftragen der Einkaufstaschen für eine/einen ältere/n Mitbewohner/in. Wenn Sie auch durchaus als Sonderling angesehen werden, dann aber doch als wohlerzogener. Zumindest sind Sie der vernichtenden Kategorie Barbar nachhaltig entkommen. Und wenn Sie dann als Ausländer auch noch grundsätzlich nie und nimmer Kritik an Frankreich und den Franzosen äussern, dann werden Sie immer halbwegs durchkommen. Vive la France!

P.S.: Wenn der Autor hier über den Verfall von echter Höflichkeit in Frankreich lamentiert, so ist ihm wohl bewusst, dass dies ein weltweites Problem ist (und Höflichkeit steht hier auch für soziales Miteinander). Mal ehrlich: in Frankreich tut man noch so, als ob - in Deutschland tut man nicht einmal mehr dies! Aber: was ist eigentlich das ehrlichere Verfahren? Egal! Beides kann das Leben nur schwerer machen.