Il est cinq heures – Paris s’éveille

Morgens in einer großen Stadt

 

Etwas Dunst liegt in der Luft. Es ist frisch, aber nicht kalt. Genau die richtige Atmosphäre, um endgültig den Schlaf aus dem Gehirn zu vertreiben. Die schwere bordeauxrote Tür fällt hinter mir ins Schloss. Das dumpfe Geräusch hallt durch die Strasse. Dies kann man nur jetzt hören. Nur in dem Moment, kurz bevor Paris erwacht. Dann irren nur ein paar Nachzügler oder Frühaufsteher in ihren Autos über den Boulevard Saint Germain. Ansonsten herrscht eine eigentümliche Ruhe über der Stadt. Ich überquere nach Gehör die Rue Saint Jacques. Zu einer anderen Tageszeit wäre es tödlich. Die Trottoirs glänzen schwarz und nass in der milden Morgensonne, die noch immer versucht, den Dunst zu durchschneiden. Einige giftgrün gekleidete Männer sprühen die Gehwege nass und fegen sie dann mit den giftgrünen Reisigbesen sauber. Die kleinen Häufchen Müll wandern in eine giftgrüne Plastiktüte und ist sie voll, dann wird sie mit einem Schwung in ein giftgrünes Müllfahrzeug geworfen. La Propretée de Paris, „Die Sauberkeit von Paris“, so nennen sich die Männer, ohne die die Stadt der Lichter zurückfallen würde in das Mittelalter. Es würde erbärmlich stinken und Krankheiten würden die Menschen dahinraffen. Dennoch zeigen die Männer keinerlei Dünkel. Wissen sie nicht, dass sie zu den wichtigsten Menschen in dieser Stadt zählen?

 

Ich möchte meinen Respekt erweisen und grüße mit einem freundlichen „Bonjour Messieurs“, und umrahme es mit einem verschlafenen Lächeln. Ich tue das jeden Morgen. Beim ersten Mal sahen die Männer erstaunt hoch und nur ein oder zwei von ihnen grüßten überrascht zurück. Inzwischen kennen sie mich und hier und da wird sogar kurz gewunken. Dennoch sind sie noch immer unsicher, denn die Männer gehören nach Ansicht der Franzosen zu den untersten der unteren Bevölkerungsschicht. Sie sind farbig. Sie kommen aus ehemaligen Kolonien, sind Emigranten, wurden geboren in den Überseedépartements. Sie erhalten nur die Arbeitsstellen, die in Frankreich geborene Franzosen nie verrichten würden. Oder sie machen sich selbständig mit kleinen Geschäften.

 

Mahmoud, an der Ecke Rue St. Jacques ist so einer. Er hat ein winziges Geschäft, in dem es wirklich alles zu kaufen gibt. Seine Eltern lebten in Algerien. Da sie damals mit den Besatzern, den Franzosen, zusammenarbeiteten, mussten sie beim Rückzug der Franzosen nach dem Algerienkrieg das Land verlassen, wollten sie nicht als Kollaborateure gelyncht werden. Wie alle anderen gingen sie nach Paris. Sie erhielten eine Wohnung irgendwo weit außerhalb der Stadt in einer der Trabantenstädte, die langsam zu Ghettos verkamen. Im Quartier Latin mieteten sie sich einen winzigen Laden in einem baufälligen Haus und verkauften Früchte. Da nichts sie in ihre Wohnung zog, blieben sie bis spät in der Nacht im Laden. Die Nachbarn gewöhnten sich an die Nordafrikaner und nutzten es aus, auch mal gegen Mitternacht noch rasch einkaufen zu können. Mahmouds Eltern reagierten auf die Einkaufswünsche und führten immer mehr Waren. Eben alles, was man plötzlich einmal mitten in der Nacht brauchen könnte. Der Laden war bis unter die Decke voll gestopft mit Waren. Nur am Eingang war ein halber Quadratmeter frei für die Kasse.

 

Als Mahmoud geboren wurde, wurde der Laden sein Laufheck, dann zum Kindergarten, später zum Spielzimmer, zum Hausaufgabenraum und endlich zur Lehrstelle. Jetzt ist er der Besitzer. Die Nachbarn, die seinen Namen nicht kennen, nennen ihn und seinen Laden „Le p’tit Arabe“. Der kleine Araber. So heißen alle Läden dieser Art, die es in fast jeder Straße der Hauptstadt gibt.

 

„Bonjour Mahmoud! Ca va?“, rufe ich in die geöffnete Tür, ohne ihn zu sehen. Seine Antwort sagt, mir, dass er irgendwo mitten zwischen seinen Waren steckt und mich sehr wohl erspäht hat.

 

Er ist schon lange auf den Beinen. Wenn er überhaupt in einem Bett geschlafen hat. Oft schließt er irgendwann nach Mitternacht den Laden, haut sich kurz ins Lager für eine kleine Mütze Schlaf und klettert dann gegen drei Uhr in den altersschwachen Ducato, um die etwa 15 Kilometer nach Rungis zu fahren.

 

Rungis kennt jeder Pariser. Rungis ist der neue Bauch von Paris. Der neue Grossmarkt, der nicht nur Paris, sondern halb Europa mit Köstlichkeiten versorgt. Man sagt, dass 18 Millionen Europäer ihre Lebensmittel von diesem Grossmarkt aus erhalten. Rungis ist eine Stadt für sich. Markthallen, Bistros, Restaurants, Banken, Tankstellen und sogar ein Polizeirevier finden sich hier. Täglich um 23 Uhr fängt das Leben in Rungis an und erst um 19 Uhr versinkt die Stadt wieder in einen kurzen Schlaf, nur um vier Stunden später wieder zum Leben zu erwachen. Über 27.000 Fahrzeuge drängen sich Tag für Tag in den engen Strassen von Rungis, werden beladen und kehren schwer ächzend in die Hauptstadt zurück.

 

Einer davon ist der Ducato von Mahmoud. Spätestens um fünf Uhr stellt er den Ducato auf den Fussweg vor seinem Laden, denn die regulären Parkplätze sind alle besetzt. Aber um diese Zeit stört das niemanden. Auch nicht die Herren von der Propretée de Paris. Sie sprühen den reinigenden Wasserstrahl einfach unter dem Auto durch und verzichten eben auf das Nachfegen. Auf ihr lautes „Salut, Mahmoud!“ erscheint dieser in der Tür und reicht eine Tüte mit Croissants dem am nächsten stehenden Mann. Ein anderer zaubert eine Thermosflasche aus irgendeiner Tasche im giftgrünen Overall. Dann stehen alle um Mahmoud herum, verzehren ihr petit Déjeuner und unterhalten sich.

 

„Merde alors! Le petit Déjeuner!“ Und ich vertrödele hier schon wieder einmal meine Zeit in meinen Beobachtungen der Menschen von Paris! Nun aber vite vite! Croissants und Baguette holen und dann kann der Tag auch für mich beginnen. Merkwürdig, was einem so an einem ganz normalen Morgen in Paris alles durch den Kopf geht.