Dans mon Quartier

 

Paris besteht aus 20 Arrondissements, vergleichbar mit Stadtteilen. Jedes Arrondissement hat sein eigenes Rathaus und deshalb dann auch seinen eigenen Bürgermeister. Zwar sind die Arrondissement-Rathäuser deutlich kleiner wie die Mairie-de-Paris, aber nicht weniger prunkvoll. Arrondissements wurde vor ca. 250 Jahren eingerichtet, um Paris besser regierbar zu machen. Eingeteilt wurde rein nach politischen Gesichtspunkten. Begonnen wird mit der Île de la Cité als 1. Arr.(offizielle Abkürzung). Und ab da geht es dann in zwei Ringen im Uhrzeigersinn schneckenförmig nach aussen bis die Péripherique, die Ringautobahn, erreicht ist. Ganz aussen im Osten liegt das letzte Arr., das 20., mit dem schönen Namen Belleville. Erkennen kann man die Arrondissements ganz einfach: die letzten zwei Zahlen der Postleitzahlen geben immer das Arr. an, in dem die Adresse liegt. Und wenn man durch Paris läuft, dann reicht ein Blick auf ein Strassenschild, um zu wissen, in welchem Arr. man gerade ist, denn jedes Schild trägt neben dem Strassennamen auch die Nummer des Arr..

 

Auch wenn schon Generationen von Parisern mit den Arrondissements leben – abgefunden haben sie sich nicht damit. Ein echter Pariser hat sein Viertel, das er liebevoll mon quartier nennt. Die Stadtviertel sind natürlich entstanden mit der Ausbreitung der Stadt. Leider hat die Politik bei der Einteilung der Arrondissements nicht auf die natürliche Quartier-Einteilung geachtet. So werden z.B. Quartiers einfach geteilt. Auch die logische Einteilung vier Viertel = ein Arrondissement kommt leider nicht hin. Aber dem Franzosen ist das egal. Er hat sein Quartier und basta! Weltbekannte Quartiers sind z.B. Passy im 16. Arr., Menhilmontant im 20. Arr., Marais im 4. Arr. und natürlich das Quartier Latin im 5. Arr.. Das Leben in Paris ist also örtlich eingeteilt in Quartiers. Und das stimmt für viele Franzosen im wahrsten Sinne: es gibt viele Pariser, die nur ganz ganz selten überhaupt ihr Quartier verlassen haben. Und das hatte dann auch seinen Grund: Krankheit, Urlaub, Besuch aus der Provence oder der täglich Broterwerb. Aber das eigentliche Leben spielt sich im Quartier ab. Dort geht man einkaufen, dort geht man Essen, dort besucht man sich unter Freunden. Nur der Tod beendet oft diese Verbundenheit, denn nur ganz wenige Quartiers haben noch einen Friedhof. Der Normalfranzose wird aus Platz- und Kostengründen eher ausserhalb der Périph’ in irgendeinem Vorort beerdigt. Nur vergleichsweise wenig Auserwählte werden bestattet auf den innerstädtischen Friedhöfen Montmartre, Passy, Montparnasse oder Père Lachaise.

 

Doch zurück zu den Lebenden. Das Lebensumfeld des Parisers ist also sein Quartier. Deshalb gibt es auch in der Stadt der Lichter unzählige Wochenmärkte, damit die Ureinwohner nicht auch noch zur Deckung der Grundbedürfnisse ihr geliebtes Quartier verlassen müssen. Obwohl das eigentlich vernünftig wäre, denn die Preise sind je nach Quartier extrem unterschiedlich. So kann es ein, dass der Gemüsehändler Montags auf dem Prominentenmarkt Ternes gleich neben den Champs Elysées für die Tomaten fast das Doppelte verlangt, wie Dienstags auf dem Marché de Belleville auf dem gleichnamigen Boulevard. Warum geht der Pariser also nicht logischerweise nach Belleville? Wie schon gesagt: Weil er es hasst, sein Quartier zu verlassen. Und die Preise richten sich, wie überall auf der Welt, nach den Möglichkeiten derer, die dort einkaufen.

 

Die Wochenmärkte übrigens, sind wirklich hervorragend organisiert. Ein städtischer Betrieb, les Marchés de Paris, bereitet die Märkte vor. Am Vortage erscheint ein Lkw, beladen mit Stangen und Planenrollen. Eine Gruppe Männer springt aus dem Fahrzeug und steckt zunächst Stangen in winzige, metallummantelte Löcher auf dem Marktplatz. Verbunden werden diese stehenden Stangen  mit Querstangen und oben drauf wird dann die Planenrolle gelegt. Und schwups! Fährt der Lkw schon wieder fort. Bis zum folgenden Morgen bleibt alles so. Fast so. Denn ein Teil der Querstangen liegt so niedrig, dass es haargenau hinkommt, einen unvorsichtigen Radfahrer mit Schmackes vom Drahtesel zu reissen. Das ist bekannt. Und wer dann immer noch nicht aufpasst, den trifft es eben.

 

Am Folgemorgen werden also von den eintreffenden Marktbeziehern zunächst die Stangen, eben jene, welche die Radfahrer aus dem Sattel rissen, gerade gebogen, dann werden die Planen als Wetterschutz entrollt, die Tische aufgestellt, die Ware ausgebreitet und dann bis etwa 13 Uhr verkauft. Danach kommt die Propretée de Paris, die Stadtreinigung, um den Platz zu säubern und kurze Zeit später der Lkw mit den Männern, die die Planenrollen und die Stangen abbauen und verladen. Gegen 15 Uhr ist alles vorbei. Für zwei Tage. Dann geht es wieder los… In jedem Quartier.