Ein Schloss in Paris

Hurra, endlich dem Hotel entfleucht! Lange hat es ja gedauert, in Paris eine Wohnung zu finden, die auch noch irgendwie bezahlbar ist. Und so zentral wie möglich liegt. Und einen gewissen Komfort bietet. In Paris ist Komfort zum Beispiel eineToilette in der eigenen Wohnung, ein Fussboden, der nicht gerade aus rohen, unbehauenen Holzbohlen besteht, über die man ständig stolpert oder sogar die Möglichkeit, die Fenster zu öffnen, ohne einen Lärminfarkt zu bekommen.

Wie gesagt, lange hat es gedauert. Nun haben wir eine solche Wohnung. Ehrlich gesagt, in Paris nennt man diese Art von Wohnung Studio. Anderes ist nach wie vor kaum zu bezahlen. Was ist ein Studio? Kurz gesagt: ein Ein-Zimmer-Appartement mit Dusche, Toilette, Bett und Kochnische. Wie das Ding dann in der Praxis aussieht, ist immer noch die zweite Frage. Von der Rumpelkammer bis zum Fin-de-Siècle-Zimmerchen ist alles drin. Wir hatten Glück: es handelte sich um das Letztere. In einem Haus am Boulevard Saint Germain (O la la! Quelle adresse!), erbaut zur Jahrhundertwende und modernisiert, ohne den Charme eines solchen Hauses zu zerstören, haben wir unser Studio. Sauber und modern, aber ohne unter die Kategorie Designerschuppen zu fallen, mit neuem Badezimmer, gefliesstem Boden und sogar echten Metro-Fliesen in der Kochnische und vor allem mit einem Fenster zum Hof. -  Na gut! Der Hof ist klein. Eher ein Kamin. Und unter der Wohnung ist die Küche einer Pizzeria. Aber schon kurz nach Mitternacht (mal abgesehen von den Wochenenden) hört das Zerbersten von Geschirr (bei den Italienern als Ambiente bekannt) und das Geschrei, das die Italiener als Kommunikation bezeichnen, langsam auf. Und richtig frische Luft kommt nur in das Studio, wenn die Windrichtung halbwegs stimmt. Aber wir haben unsere Ruhe, können alle interessanten Ecken in Paris, wenn wir wollen, zu Fuss erreichen und leben in dem unserer Meinung nach schönsten Quartier von Paris. Mit einem Wort: wir hatten es gefunden - unser Schloss mitten in Paris.

Apropos Schloss! Wir bekamen mit der Übernahme der Wohnung zwei Schlüssel und eine vierstellige Zahl, die uns zunächst einmal lediglich verwirrte. Aber was soll's. Erst mal rein in die Wohnung und sich einrichten. Vor der Haustür dann der erste Schock. Tür ist zu und Schlüsselloch nicht da. Na super! Schlüssel sind da - aber keine Möglichkeit, sie irgendwohin zu stecken. Nach dem Abspulen einer Reihe von gängigen Schimpfworten, die wohl auch das Gehirn frei machen, schauten wir ratlos um uns herum. Und siehe da! Neben der Tür eine Telefontastatur. Mit Zahlen von Null bis Neun. Sollte man vielleicht einfach mal diese vierstellige Zahl...? Gesagt, getan! Es machte Klick und ein leises Summen einer pubertären Mücke ertönte. Ein mit ganzem Körpergewicht ausgeführtes Stemmen gegen die tonnenschwere mittelalterliche Tür öffnet sie. Wir gingen hinein. Hinter uns donnerte die Tür wieder ins Schloss. Und wir standen in einem kleinen Vorflur. Vor uns eine zweite Tür. Verschlossen. Hinter uns die Eingangstür - auch wieder verschlossen. Weder vor noch hinter uns ein Schlüsselloch. Auch keine Telefontastatur. Nur ein paar Briefkästen und Klingelknöpfe. Sonst nichts. Wir kamen nicht richtig rein aber auch nicht wieder raus. Wirre Gedanken schossen durchs Gehirn: "Wie lange kann ein Mensch ohne Flüssigkeit überleben?". Dann wieder eine ruhige Phase der stillen Verzweiflung. Lass uns doch noch einmal ganz ruhig um uns herumschauen. Da! Ein Druckknopf an der Wand. Ausprobieren! Das Licht geht an. Wenigstens müssen wir also nicht in ewiger Dunkelheit sterben. Schau, schau! Noch ein Druckknopf! Ausprobieren. Die pubertäre Mücke schwirrt wieder um uns herum. Und die Tür nach draussen lässt sich wieder öffnen. Hurra! Wir haben einen Fluchtweg entdeckt! Aber eigentlich wollten wir rein und nicht raus. Was ist das denn? Unter den Klingelknöpfen ist ein kleiner senkrechter Spalt. Gerade gross genug, um einen Schlüssel darin versenken zu können. Wir probieren es einfach - was soll denn noch passieren? Vielleicht werden wir verhaftet, wenn wir dadurch eine Katastrophe auslösen - aber das war uns jetzt gleichgültig. Erster Schlüssel vorsichtig hinein. Er bewegt sich nicht und es bewegt sich nichts. Zweiter Schlüssel. Er kann einen Millimeter nach rechts gedreht werden. Ein fast unhörbares "Klick" lässt sich erahnen. Wir drücken verzweifelt-optimistisch gegen die Zwischentür. Sie öffnet sich. Stumm vor Rührung ersteigen wir über die geschwungene marmorne Treppe, ausgelegt mit edlem Gobelin, den ersten Stock und stehen vor unserer Wohnungstür. Mit einem ganz normalen Schlüsselloch. Und der Schlüssel passt! Und er lässt sich drehen und drehen und drehen... Und plötzlich gleitet sie auf, die Tür! Wir sind in unserer Wohnung. Ab jetzt unser Schloss. Mitten in Paris! Und das mit den Schlüsseln war doch eigentlich gar nicht so kompliziert, oder?