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Die unterirdischen Geheimnisse von Paris

 

 

Huhuuuuu! Wie geheimnisvoll! Ah, oui, oui, oui!!! Très miraculeux! Die schreckliche Wahrheit ist: unterhalb von Paris gibt es mindestens genausoviel zu erleben, wie an der Erdoberfläche! Die Erde unter den Arrondissements ist -tragen Sie es mit Fassung, liebe Parisfreunde - durchlöchert und hohl wie ein Schweizer Käse, wenn wir uns diesen an sich schon idiotischen Vergleich mal erlauben dürfen. Und dort unten spielt sich so einiges ab! Und einen Teil davon können wir uns anschauen! Huhuuuuu! Wir lieben Grusel!

 

Doch zunächst mal kümmern wir uns um die Frage: wer hat denn da gebaggert? Eh bien! Die Franzosen selber. Und zwar über Jahrhunderte. Was Sie auf den Strassen sehen, war fast alles mal unter ihnen. Gips und Sandstein, aus denen viele Häuser der Stadt gebaut wurden. Deshalb schauen sie auch alle so schön hell aus. Das Baumaterial gewann man aus Steinbrüchen, les Carrières de Paris, unterhalb der Stadt. Und je mehr man baute, desto grösser wurden die Steinbrüche. Inzwischen gibt es hunderte von Kilometern an Gängen und Hallen tief unter der Metropole. Mon Dieu! Das klingt aber nicht sehr stabil! C'est vrai! Das klingt nicht nur so, das ist auch instabil! Immer wieder einmal versinkt hier und da ein Teil von Straßen bis hin zu ganzen Häusern in der Erde, weil der Hohlraum darunter nachgegeben hat. Man versucht mit einer eigenen Steinbruch-Behörde ständig zu kontrollieren und von unten her Marodes zu reparieren, aber immer gelingt das eben nicht.

 

Noch andere Menschen sind regelmässig in dem unterirdischen Labyrinth. Sie sind illegal. Und sie nennen sich selber 'Cataphiles'. Junge, aber auch weniger junge Leute, die durch geheime Eingänge in die Dunkelheit eindringen, sie erforschen und Feste feiern. Wir warnen davor! Wer sich nicht wirklich auskennt, ist in Lebensgefahr! Wer sich jedoch auskennt, den erwartet das Abenteuer seines Lebens! Es ist aber fast unmöglich einen wirklich kompetenten Führer kennen zu lernen. Wer prahlt schon damit, ein Rechtsbrecher zu sein?

 

Aber die ehemaligen Steinbrüche werden nicht nur bewacht oder illegal besucht, sie werden auch genutzt. Am Rande von Paris zum Beispiel als Champignonzuchten. Doch es gibt auch andere Verwendungen. Zum Beispiel als riesige Grabkammer. Und einen Teil davon können Sie besuchen:

Les catacombes de Paris

Place Denfert

M° Denfert-Rocheraud

Bitte entnehmen Sie die Öffnungszeiten dem Pariscope. Zur Zeit wechseln sie manchmal.

 

Auf der Place Denfert sehen Sie ein ehemaliges Zollhaus. Links neben dem Eingang befindet sich ein grüner Zaun mit einer grünen Tür. Vor der Tür steht eine riesige Menschenschlange. Reihen Sie sich ein. Irgendwann kommt Bewegung in die Schlange und Sie erreichen die Kasse, entrichten Ihren Obolus und folgen dann der Wendeltreppe endlos in das Reich der ewigen Dunkelheit. Unten folgen Sie den feuchtschwülen und matt beleuchteten Gängen. Ihnen wird bewusst, das die Metro weit über Ihnen ist. Auch die Kanalisation. Nur ganz leise hören Sie mal ein Rumpeln der Metro. Sie realisieren, dass Sie irgendwie gefangen sind. Und noch dazu ist der Gang schmucklos und abweisend. Sie überlegen schon, ob sie zurückkehren wollen, als ein kleines Schild an einem Stein Sie erstarren lässt: "Halt! Hier beginnt das Reich der Toten!" Vorsichtig gehen Sie weiter. Etwas ist ungewöhnlich in diesem Gang! Etwas ist anders! Selbst Ihre Stimme klingt dumpf und leise. Dann erkennen Sie es. Die Wände des Ganges bestehen aus Knochen! Hunderte! Tausende! Millionen! Oberschenkelknochen, Schulterknochen und Schädel. Zum Teil hübsch zu Ornamenten geordnet. Um Gottes Willen! Was geschah hier? Wer waren diese unzähligen Menschen?

 

Am Ende des Mittelalters hatte Paris ein grosses hygienisches Problem. Die Friedhöfe lagen mitten in der Stadt verteilt und waren hoffnungslos überfüllt. Die Leichen wurden in Massengräbern bestattet und nur mit einer dünnen Schicht Erde bedeckt, um dann die nächste Lage Verstorbener aufzunehmen. Der Geruch war unerträglich. Krankheiten, von Ratten und anderem Ungeziefer, das sich von den Toten ernährte, breiteten sich aus. Am Schlimmsten war die Situation am Cimetière des Innocents, dem Friedhof der Unschuldigen, direkt am Bauch von Paris, den großen Markthallen. Direkt in den Ausdünstungen ihrer verstorbenen und verwesenden Vorfahren versorgte sich ganz Paris mit Lebensmitteln. Eine Lösung musste her. Die Lösung waren die Steinbrüche. Zunächst dieser Gottesacker, dann auch fast alle anderen innerstädtischen Friedhöfe wurden geschlossen, die Leichen exhumiert und die Gebeine unter Aufsicht von Geistlichen in die späteren Katakomben überführt. Diese Geistlichen waren es auch, die die Knochen dort unten dann kunstvoll aufschichteten und endlose Ornamente daraus machten. Die Knochen aus den einzelnen Friedhöfen wurden durch Marmortafeln kenntlich gemacht. Andere Marmortafeln erinnern durch Zitate an die eigene Sterblichkeit. Die Gebeine von etwa 6,5 Millionen Menschen fanden Ihre letzte Ruhe tief unter der Stadt. Bettler, Handwerker, Adlige, Diebe, Mönche, Pesttote, Guillotinierte, sanft Entschlafene: der Tod und die Katakomben machen keine Unterschiede! Besuchen Sie die Katakomben und erweisen Sie den Vorfahren die Ehre.

 

Anrüchig, aber weniger gruselig sind dagegen die Egouts de Paris. Auf der linken Seineseite an der Pont d'Alma, M° Alma-Marceau, ist ein kleiner Kiosk. Daneben eine kleine Treppe. Sie führt hinab in die Anfänge des modernen Paris. Der Grund für die Existenz dessen, was Sie dort unten sehen, war wieder die Hygiene. Bis ins 19. Jahrhundert hinein goss man in der Hauptstadt alles was unter den Begriff Fäkalien fiel, aus dem Fenster. Wieder entstanden Epidemien. Baron Haussmann fand die Lösung: Paris wurde mit einem Kanalsystem ausgestattet. Und einen Abschnitt davon können Sie hier besichtigen. Sie erhalten viele Informationen, sehen Filme, betrachten alte und neue technische Hilfsmittel. Begrüsst werden Sie allerdings von echten Kanalratten. Iiiiiiiiiiih! Keine Bange. Sie sind hinter Glas. Aber echt. Klopfen Sie mal an das Glasfenster am Ende der Treppe! Und dann geht es wieder los: Iiiiiiiih!

 

Aber auch im absoluten Zentrum der Stadt können Sie in die Tiefe schauen. Auf dem Vorplatz der Kathedrale Notre Dame. Dort finden Sie die archäologische Krypta. Tauchen Sie ein und sehen Sie, wie die Île de la Cité früher aussah. Zu Zeiten der Stadtgründung, zu den Römerzeiten, im Mittelalter. Umfangreiche Erläuterungen versorgen Sie mit allen Informationen über die archäologischen Ausgrabungen.

 

Und natürlich und immer wieder ein beliebter Einstiegsort in die Tiefe ist die Metro. Was viele nicht wissen: es gibt sogar Führungen durch die endlosen Tunnels und unterirdischen Bahnhöfe. Teilweise dauern sie von Betriebsschluss bis Betriebsbeginn. Also nichts für Schlafmützen. Veranstaltet werden sie leider sehr unregelmässig von Vereinen der Metrofreunde. Informieren Sie sich bei der Ratp.

 

Zum Schluss werden wir wieder ein wenig morbid. Tief unter der Erde liegt das Urnenhaus des grössten Friedhofes der Stadt, dem Cimetière Père Lachaise. Tausende von Urnen fanden ihren Platz in den Mauernischen des mehrere Stockwerke tiefen Gebäudes. Je tiefer Sie kommen, desto kälter wird es. Die Kälte der ewigen Ruhe! Dennoch wird ein Geruch immer süsser und schwerer. Er raubt den Atem und lässt Ihre Schritte immer schneller werden. Luft! Ich kann nicht mehr atmen!

Hätten Sie je gedacht, dass der Duft von Blumen so nachhaltig wirken kann? Im Gegensatz zu den Gräbern draussen, die mit Plastikblumen verschönt werden, stecken in den Ringen in den Marmorplatten, mit denen die Urnennischen verschlossen werden und die die Namen der Verstorbenen tragen, echte Blumen. Ein wirklich beeindruckender Besuch, den man im wahrsten Sinne des Wortes noch lange in der Nase hat.

 

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