Urlaub in Paris – ein tragischer Erfahrungsbericht von Monsieur Bernard

 

HINWEIS: Dieser Bericht extrem lang. Um die Augen zu schonen empfehlen wir einen Ausdruck. Aber nur, wenn noch genug Papier da ist. Je nach Schriftart und –größe gehen mindestens 10 Blatt Papier drauf! Und nun geht’s los!

 

Urlaub ist das schönste Wort der Welt. Sofort fangen die Augen an zu glänzen, wenn man nur an Urlaub denkt. Und wenn es noch Wochen hin ist, dann betet man darum, dass die Zeit verfliegen möge, damit man endlich wieder hinaus in die weite Welt ziehen kann. Quälend langsam vergeht die Zeit bis zum ersten Urlaubstag. Und wenn er dann erst mal da ist, dann scheint er auch schon wieder zu Ende zu sein, bevor man eigentlich so richtig begonnen hat, ihn wirklich zu genießen. Ruckzuck ist man wieder zurück und ist traurig, dass alles sooo schnell vorbei ging.

 

Es gibt allerdings Ausnahmen. So eine Ausnahme war unser letzter Parisurlaub. Noch nie waren wir so glücklich, endlich wieder zuhause zu sein.

 

3 Tage nach Ankunft in der schönsten Stadt der Welt wache ich am Morgen mit leichten Bauchschmerzen auf. So etwas kann schon mal sein, besonders wenn man Liebhaber von etwas exotischeren Speisen, wie Schnecken oder Austern ist. Ich verkünde also, leicht indisponiert zu sein und mich deshalb schonen zu wollen. Wir gehen runter an die Seine, kaufen uns ein 2-Tages-Ticket für das Batobus und lümmeln uns auf die erste Bank vorne rechts, unseren Lieblingsplatz, um einfach mal 2 Tage lang die Seine rauf und runter zu schippern. Genau das Richtige, wenn man dringend mal Erholung braucht, aber dennoch preisgünstig was von der Stadt sehen möchte.

 

Gegen Mittag bitte ich darum, nach Hause zu gehen, um dort eine kleine Sièsta einzulegen. Die Bauchschmerzen haben leicht an Intensität zugenommen. Wir gehen also zu unserem Appartement über die Cité, vorbei an Notre Dame, ohne zu ahnen, dass genau diese Gegend der Stadt in knapp 12 Stunden für den Rest des Urlaubes zentrale Bedeutung bekommen würde.

 

Am Nachmittag habe ich richtig fiese Schmerzen und die beste Frau von allen kündigt an, aus der Apotheke was gegen Bauchschmerzen besorgen zu wollen. Sie spricht nur wenige Worte Französisch und ich will ihr das eigentlich nicht antun, aber ich bin kaum noch in der Lage aus dem Bett raus zu kriechen und nehme deshalb des liebe Angebot an. Bei der Gelegenheit: in Frankreich sind die Medikamente billiger als in Deutschland (aber das ist eigentlich in jedem anderen Land der Welt so) und man bekommt so einige Medikamente frei, die in Deutschland verschreibungspflichtig sind. Ich meine das einfach nur mal so. Es soll keine Aufforderung sein, in Frankreich Medikamente einzukaufen, nur weil sie in Deutschland teurer sind. Ich nehme dankbar die Medikamente und verbringe den Rest des Tages dann weiter mit einer Mischung aus Schlaf und Dämmerzustand, immer mit einer guten Portion Schmerz dabei.

 

Gegen Mitternacht hat mein Schatz dann die Faxen dicke und spricht ein Machtwort:“ Ich will, dass Du umgehend Hilfe rufst! Wenn Du mir hier umkippst, habe ich ja kaum eine Chance, mich verständlich zu machen!“ Sie hat recht. Durch Zufall hatte ich irgendwo vor kurzem gelesen, dass auch in Frankreich inzwischen umfangreich die 112 als Notrufnummer aktiviert wurde. Ich probiere es aus und es funktioniert. Ein Mensch in einer Notrufzentrale fragt nach meinem Begehr. Ich erkläre ihm, unterbrochen durch Schmerzseufzer unterschiedlicher Intensität, was mit mir los ist. Nach vielen Rückfragen scheint er davon überzeugt zu sein, dass ich tatsächlich ein ernstes Problem habe und verbindet mich mit einem etwas kompetenteren Kollegen. Der stellt mir zunächst mal die gleichen Fragen wie sein Vorgänger und noch ein paar detailliertere Nachfragen dazu. Schließlich sortiert auch er mich in die Kategorie „echter Notfall“ ein, und belohnt mich damit, mich zu einem etwas kompetenteren Kollegen durchzustellen. Wieder der Fragenkatalog, wieder ein paar neue Fragen am Schluss dazu. Offensichtlich ist die 1-Million-Euro-Frage dabei, denn ich werde jetzt zu einem echten Arzt weitergestellt. Der macht kein großes Federlesen und begann mit den Fragen, die ich schon drei mal beantwortet habe. Doch diesmal endet das Gespräch damit, mir die Ankunft einer Ambulanz innerhalb der nächsten 30 bis 60 Minuten anzukündigen. Entkräftet aber glücklich falle ich in die Kissen zurück.

 

Eine knappe Stunde später klingelt es. Durch die Gegensprechanlage bittet meine Frau den Herren am anderen Ende darum, in den 6. Stock zu fahren. Die Antwort ist nachvollziehbar: „Ouff!“. Zwei Sanitäter betreten die Wohnung. Zunächst wieder die Fragen und ich frage mich, warum offensichtlich niemand Notizen macht, die dann weitergegeben werden, denn es werden doch immer wieder die gleichen Fragen gestellt. Bei der Beantwortung dieser Fragen hier und auch später muss ich feststellen, dass ich ein erhebliches Defizit im Bereich medizinisches Fachvokabular habe und ich immer wieder verzweifelt nach Umschreibungen suchte, was mir bei den inzwischen wirklich heftigen Schmerzen natürlich sehr schwer fällt. Schließlich kündigen die Herren an, mich in ein Krankenhaus fahren zu wollen. Meine wesentlich bessere Hälfte will unbedingt mit. Ich kann sie aber davon überzeugen, dass sie besser zuhause bleibt, als stundenlang in irgendeiner Notaufnahme zu warten, nur um dann im Morgengrauen doch nach Hause gehen zu müssen. Widerstrebend willigt sie ein. Wir fragen, in welches Krankenhaus ich gefahren werde. Es ist immerhin das bekannteste Krankhaus der Stadt, das Hôtel Dieu, schräg gegenüber von Notre Dame. Eine bessere Adresse gibt es in Paris nicht. Es gibt allerdings durchaus bessere Krankenhäuser – aber davon später mehr. Immerhin ist dieses Krankenhaus für meine Frau sehr gut zu erreichen und das ist ja auch ein wichtiger Punkt. Gedenk der 6 Stockwerke fragen die Sanis vorsichtig, ob ich denn, wenn man mich zwischen die beiden kräftigen Männer einklemmen würde, im Fahrstuhl nach unten fahren könnte oder man mich tragen müsste. Trotz der Schmerzen muss ich bei dem Gedanken doch grinsen, einen XXL-Mann wie mich 6 Stockwerke tief durch ein verwinkeltes Altbautreppenhaus zu bugsieren. Das wäre wirklich nicht witzig! Meine Wahl, den Fahrstuhl zu nehmen, findet allgemein begeisterte Zustimmung.

 

Es geht dann im Schongang durch das mitternächtliche Paris bis zur Notaufnahme des Hôtel Dieu, die an der Seite des Hauses in der Rue de la Cité liegt. Diese Notaufnahme ist der einzige Teil des Hauses, der aus moderner Zeit kommt, der Rest des Baus ist 1877 fertig gestellt worden , wobei es Vorgängerbauten gibt, die bis in das 7. Jahrhundert zurück reichen.  Man bringt mich hinein in die Notaufnahme. Ausnahmsweise muss ich mal nicht endlos viele Fragen beantworten, sondern darf mich gleich auf einen Stuhl setzen und die beiden Sanis erzählen der Schwester am Empfang, was mit mir los ist. Bis auf das schmerzliche Winden hatte ich nicht viel zu tun und schaute um mich herum: ein moderner Warteraum, wie er auf der ganzen Welt zu finden ist. Schräg neben mir hat ein SDF (SDF = “Sans domicile fixe“ = „Ohne festen Wohnort“ = Clochard (sagt man heute nicht mehr und existiert auch in exakt dieser Form nicht mehr) = Obdachloser) 3 Stühle zusammen geschoben und schläft seinen Rausch aus – das kann man ohne Zweifel riechen. Rechts von mir sitzt ein blutender junger Mann. Schräg gegenüber sitzt eine ältere Frau mit Schmerzen, die von ihrem Mann und ihrer Tochter umsorgt wird. Drei Polizisten kommen herein und führen einen Mann in Handschellen, der offensichtlich durch körperlichen Einsatz ruhig gestellt wurde. Ein Polizist muss dabei wohl verletzt worden sein und blutet. Er wird sofort behandelt. Ich fühle mich nicht so wohl hier.

 

Dann werde ich aufgerufen. Ich reagiere erst nach dem zweiten Aufruf. Ich bin es nicht gewohnt, mit meinem Nachnahmen in Paris gerufen zu werden. Alle nennen mich immer nur Monsieur Bernard. Eine Schwester nimmt mich in ihre Obhut. Und nun kommt das, worauf ich eigentlich auch schon gewartet habe: ich werde mit den Fragen traktiert, die ich nun schon ich-weiß-nicht-mehr-wie-oft beantwortet habe. Schließlich misst sie Fieber, Blutdruck und Puls, ein Vorgang, der mir in naher Zukunft noch richtig zur Gewohnheit werden wird, und bittet mich dann, wieder draußen Platz zu nehmen, bis ich zum Arzt gerufen werde. Ich warte und dämmere vor mich hin. Ich sinke langsam in mich zusammen und kralle meine Finger in meinen kleinen blauen Kulturbeutel, den mir meine Frau noch rasch mit den notwendigsten Dingen für das Krankenhaus gepackt hat. Dann werde ich von jemandem an der Schulter zupft. Eine Schwester steht neben mir und zeigt auf eine Tür. Ich gehe hinein. Ein Arzt sitzt im Zimmer und beginnt mit den obligatorischen Fragen, die ich inzwischen schon etwas lethargisch beantworte. Er erklärt mir, was nun mit mir passiert. Bei der Gelegenheit fällt mir eine Eigenart der Franzosen (oder ist das Verhalten international?) auf. Immer wenn ich verschüchtert sage, dass ich etwas nicht verstanden habe, wird der Satz exakt in der gleichen Art wiederholt – nur doppelt so laut. Hallo!!! Ich bin nicht schwerhörig, sondern lediglich begriffsstutzig! So sollte es jetzt weiter gehen, sagt der Arzt: erst mal zum Röntgen, dann ein stärkender und gleichzeitig die Schmerzen betäubender Tropf, während auf die Auswertung der Durchleuchtung gewartet wird. Ich nicke. Man weist mich an, mich auf eine Liege zu legen, die dann von zwei Pflegern geschoben wird. Mein kleines Täschchen, Hemd und Hose, die ich für die Untersuchung ausziehen musste, bleiben im Raum zurück. Ich denke noch kurz an das Portemonnaie mit der Kreditkarte in der Hosentasche, vergesse es aber schnell wieder.

 

Schnell ist der moderne Gebäudeteil verlassen und es wird düster. Die Wände werden graubraun und rissig. Immer wieder geht es durch riesige Türen, die mit der Rollliege einfach aufgestoßen werden. Ich begleite jedes Aufrempeln einer Tür mit einem begeisterten „Ouumpffff“. Einige Gänge sind an einer Seite offen, wohl eine Art Arkaden, und ich kann den Himmel sehen. Dann geht es tatsächlich raus aus dem Haus durch einen kleinen Park. Ich erfahre später, das dies der Innenhof des Hôtel Dieu ist. Die Rollliege wird mit Anlauf in einen Fahrstuhl geschlenzt. Das geht nicht anders, weil Boden und Fahrstuhl nicht das gleiche Niveau haben. Der Fahrstuhl ist höher. Wir fahren nach unten. Hier trifft mich fast der Schlag. Die düsteren Gängen wirken auf mich wie Trümmergänge. Die Liege rumpelt über unebenen Boden. Ich wimmere bei jedem Schlagloch vor mich hin. Eine Aufschrift auf einer Tür bleibt mir im Gedächtnis. Und diese Aufschrift sehe ich noch immer vor meinem geistigen Auge. Sie lautet sinngemäß: „Ungeklärte Todesfälle – polizeiliche Sperrzone – Betreten verboten“. Irgend etwas in meinem Inneren brüllt: „Ich muss hier raus! Sofort! Unverzüglich!“

 

Vor einer Stahltür hält meine Liege. Es wird geklingelt, die Tür öffnet sich, kurzes Palaver, ich werde hinein geschoben. Hier ist plötzlich alles wieder hochmodern. Viel Edelstahl, Designermöbel und indirekte Beleuchtung. Ich entspanne mich langsam. Ein älterer Mann, der Röntgenfacharzt, kommt freundlich auf mich zu, schüttelt mir die Hand und beginnt zu reden. Mich durchzuckt wieder die Panik:“ Warum zum Teufel hat dieser Mensch keine Zähne im Mund?“ Genau das erklärt er scheinbar gerade und ich meine zu verstehen, dass er des Nachts ohnehin hier unten nichts essen würde und dann die teuren Stücke ja auch im Glas schonender als im Mund aufbewahren könne. Ich sage nichts. Mir fällt nichts mehr ein. Man röntgt mich. Immer mal ein „Nicht bewegen“ über den Lautsprecher und es macht „Surrr!“ Dann kommt der Zahnlose wieder herein und macht mir klar, das es besser für mich sei, nun meine Fußflächen fest auf eine Platte am Ende der Liege zu drücken. Warum sagt er nicht. Ich presse und er geht raus. Plötzlich beginnt ein Elektromotor zu sirren und nicht nur meine Liegestatt, sondern das gesamte Röntgengerät mit mir drauf fängt an, sich aufzurichten. Als ich fast in stehender Position bin, suche ich dringend irgend etwas zum Festhalten. Nichts! Und nur noch ein winziges Stück und ich würde nach vorne überfallen und kommentarlos platt auf den Boden klatschen. Aber das Ding stoppt unmittelbar vor der Katastrophe. Die Stimme sagt wieder „Nicht bewegen!“ . Den Teufel werde ich tun! Ich bin in Panik, guter Mann, und völlig starr! Zum Glück war das der letzte Akt hier im Keller. Ich krieche wieder rüber auf meine Rollliege. Freundlich angebotene Hilfe der Pfleger lehne ich dankend ab. Die Nummer kenne ich schon! Mit einem stimmungsvollen „un, deux, trois“ würde ich nämlich sonst mit Schwung rüber geworfen, begleitet von meinem inzwischen schon bekannten „Oumpffffff“. Das muss ich nicht haben! Es geht dann zurück über die Buckelpiste im Keller, vorbei an den unbekannten Toten, über den Innenhof in die Notaufnahme.

 

Meine Liege bleibt auf dem Gang stehen und ich bekomme einen Tropf. Ich werde immer lethargischer. Bis ich anfange zu frieren. Ich habe das Gefühl, es wird immer kälter. Ich beginne, zu zittern. Das Zittern wird zum Beben bis ich wirklich auf der Liege so zapple, als hätte jemand vergessen, den Defibrillator auszuschalten. Ich kann es nicht steuern. Jemand fragt im Vorbeigehen, was los sei. Ich sage nur, es sei schrecklich kalt. Der Jemand deckt eine Decke über mich. Zum Glück hat er offenbar aber auch einen Arzt alarmiert. Der kommt recht flott, ein paar weitere Personen kommen hinzu und alles redet durcheinander, wobei ich immer mal wieder was von Allergie höre. Bis auf Vogelfedern bin ich nicht allergisch und da mir in dieser Situation Feder auf Französisch nicht einfällt, sage ich einfach „non“. Ich bekomme mindestens eine Spritze. So ganz genau weiß ich das nicht mehr. Jedenfalls hört das Gezappel ziemlich umgehend wieder auf und man schiebt mich in einen Behandlungsraum. Zwei Schwestern kommen mit meinem Klamotten und fragen, ob diese zu mir gehören. Ich nicke. Eine Schwester bemerkt den Geldbeutel in der Hosentasche und erschrickt lautstark. Sie fragt, ob das eine Wertsache sei. Ich nickte und sage „Carte de Crédit!“. Sie nickt auch und sagt „Mon dieu!“. Sie erklärt, dass eigentlich solche Dinge gleich bei Ankunft des Patienten protokolliert und gesichert werden. Zusammen mit einer anderen Schwester macht sie sich an die Arbeit. Auch meine Uhr kommt gleich in den Umschlag. Alle meine Wertsachen verschwinden sodann im Tresor des Hôtel Dieu.

 

Der Arzt kommt wieder und erklärt, dass die Röntgenaufnahmen nicht schlecht, dass aber doch noch ein paar Wünsche offen seien und man mich deshalb kernspinnen möchte. Man sei aber schon sehr sicher, dass mein Problem im Bauchbereich liegen würde. Aha! Also geht es wieder auf der Rollliege durch das Haus, den Garten, den Keller, vorbei an den mir inzwischen schon seltsam vertrauten unbekannten Todesfällen in die Röntgenabteilung. Zahnlos grient mich ebenfalls schon ganz zutraulich an. Ich werde in eine große Röhre gesteckt. Zahnlos sagt, dass ich nun auf Befehl immer die Luft anhalten solle. Es sirrt und irgendetwas bewegt sich um mich herum und immer mal wieder kommt der Befehl „Nicht atmen!“. Er kommt wieder herein und fummelt an einem Computer herum. Nach kurzer Zeit kann ich nicht mehr, sauge japsend Luft ein und frage verschämt, ob ich wieder atmen darf. Zahnlos lacht dröhnend und murmelt was in der Richtung von „hab ich doch glatt vergessen...“. Dann geht es wieder zurück. Kurz hinter meinen kalten unbekannten Freunden dreht sich alles vor mir und ich rufe, dass mir schlecht wird. Die Pfleger schauen mich ratlos an und sagen „Vomir!“ Verdammt! Wen ich nur wüsste, was übergeben heißt! Ich mache Gesten! Die Pfleger antworten: “Vomir!“ Ich gebe auf und lehne mich über den Rand meiner Rollliege und speie auf den maroden Boden. Da ich ohnehin schon länger weder gegessen noch getrunken hatte, war das Malheur nicht so tragisch. Einer der Clowns – Pardon! Ich meine Pfleger – zeigt auf meine Hinterlassenschaften und sagt: “Vomir!“ Ich ahne, was das Wort bedeutet.

 

Ich liege wieder in einem Raum der Notaufnahme, es ist kurz nach 5 Uhr. Ein Arzt kommt vorbei und erklärt mir, dass nun alles klar sei. Der Blinddarm sei kaputt und müsse dringend entfernt werden. Außerdem hat der Inhalt des Blinddarmes die Bauchhöhle großflächig entzündet. Das bedeutet: eine schnelle Entlassung könne ich mir abschminken. Morgen um 10 würde ich operiert. Ouff! Noch über einen Tag mit den nur halb durch den Tropf betäubten Schmerzen aushalten? Ich will hier raus!!!!

 

Dann bin ich wieder allein auf meinem Rollbett in der Notaufnahme. Man lässt mich in Ruhe und ich döse vor mich hin. Bis ein Pfleger, der offensichtlich einen Clown gefrühstückt hat, mir ein dröhnendes und kicherndes „Bonjour, ca va Monsieur?“, ins Ohr brüllt. Mein leises „Non.“ scheint er nicht zur Kenntnis zu nehmen. Er kündigt an, dass ich nun fortgebracht würde, damit man mich zur Operation vorbereiten könne. Ich sage erstaunt, ein Arzt hätte mir mitgeteilt, ich würde erst morgen um 10 operiert. Er lacht und erklärt, dass die Ärzte Vorgänge, die in der nächsten Schicht erst passieren, gerne mal zeitlich mit „morgen“ einordnen. Einerseits bin ich irgendwie erleichtert, dass es doch flotter weiter geht mit mir, andererseits bin ich nun aber auch etwas erschrocken, dass alles hier plötzlich so wohl organisiert schnell gehen soll. Man schiebt mich also durch Gänge, Fahrstühle, Innenhöfe und halboffene Säulengänge in eine Station, die irgendwie mit „Sainte“ beginnt – die Stationen im Hôtel Dieu haben alle Namen von Heiligen Frauen. Ein sehr junger Mann, kaum 20 Jahre alt und offensichtlich indischer Abstammung, empfängt mich und teilt mir mit, dass er sich nun ausschließlich mit mir befassen würde, da er mich bis 9 Uhr komplett für die OP vorbereitet haben müsse. Das wird ja immer früher!

 

Man schiebt mich auf ein Gummibett. Nicht das ganze Bett ist aus Gummi, aber die Matratze. Man backt ekelhaft darauf fest und kann sich kaum noch bewegen, weil man sich wie festgeklebt vorkommt. Aber es hat Sinn. Denn mein Pfleger (ich beschließe für mich, ihn Apu zu nennen), saut jetzt ordentlich mit einer Schüssel lauwarmen Seifenwassers herum und wäscht mich kräftig von unten bis oben ab. Jedenfalls fast. Dann zeigt er auf meine Körpermitte leicht unterhalb des Bauches und fragt: „Wollen Sie das da selber waschen?“ Ich nicke und greife mir den Waschlappen und beginne „das da“ zu reinigen. Auch in meinem Alter ordnet man diesen Bereich des Körpers immer noch als halbwegs wertvoll ein und geht entsprechend vorsichtig damit um. Apu schaut einen Moment zu, schüttelt dann den Kopf und sagt nur „Plus fort!“. Ich gebe mir also zumindest den Anschein, kräftiger zu rubbeln. Plötzlich zeigt Apu auf meine Körpermitte und ruft laut: „Vous avez des bijoux!“ – „Sie haben Edelsteine!“. Ich interpretiere das Wort zunächst eher als Familienjuwelen und hole schon Luft, um trotz meines Zustandes eine stolze Antwort zu geben, da sehe ich , dass er meiner rechten Hand folgt und auf diese zeigt. Offensichtlich kann also „bijoux“ auch einfach Schmuck heißen, denn er meint ganz sicher meinen Ehering. Er holt einen Umschlag, zieht mir den Ring ab und legt ihn hinein. Dann sucht er deutlich für mich erkennbar mit den Augen meinen Körper von oben bis unten ab, bremst in der Gegend meiner Körpermitte ab und fragt mit unverhohlenem Grinsen, ob ich noch anderen Schmuck am Körper habe. Ich erkläre bescheiden, dass ich einer Generation angehöre, die zumindest in Deutschland Körperschmuck dieser Art selten trägt.

 

Dann werde ich mit Jod übergossen und gleiche nach dem Verteilen des Zeugs, was die Hautfarbe betrifft, Apu – nur ich bin etwas dunkler. Apu zieht mir aus Hygienegründen Plastiktüten über die Füße und über die Haare und endlich zieht er mir ein Nachthemd an. Es handelt sich um das gängige Krankenhausnachthemd, dass ich nun bis zum Moment meiner Entlassung tragen werde. Ein quietschgelbes Hemd, vorne bis zu den Knien reichend und hinten erfrischend offen. Ich hasse diese Dinger! Aber zumindest im Hôtel Dieu ist das Anziehen eigener Bettmode nicht gerne gesehen, wie ich später bemerke.

 

Dann werde ich wieder durch alle möglichen Gänge transportiert und lande schließlich in einem mit Technik voll gestopften Raum, in den gerade noch mein Rollbett passt. Deshalb schiebt man mich auch auf den OP-Tisch herüber und entfernt das Rollbett. Allerlei Gerät wird nun links und rechts neben meinem Tisch installiert. Eine vermummte Gestalt stellt sich als meine Anästhesistin vor. Sie beginnt mit Fragen. Es sind genau die Fragen, die ich schon wieder und wieder in diesem Hause beantwortet habe. Als ich die letzte Frage gerade beantworten will, merke ich, dass ich in ein Krankenzimmer geschoben werde und irgendwo in einer Ecke meine Frau steht und ein furchtbar erleichtertes Gesicht macht. Das Zimmer ist winzig. Es passen gerade so zwei Betten hinein. Ein leeres Bett steht schon drin und ich soll auf den freien Platz davor geschoben werden. Da das Bett im Raum schräg steht, passt es natürlich nicht so ganz. Aber man muss nur ein paar mal mit Schwung mit meinem Bett gegen das andere Bett stoßen, dann löst sich das Problem schon.

 

Ich werde immer wacher und bemerke, dass ich nun am linken und am rechten Arm Schläuche habe, die in Plastiktüten und Glasflaschen an je einem Ständer enden. Aus meinem Bauch kommt ein dicker Doppelschlauch der in einer Flasche unten auf dem Boden endet. Ansonsten ist der Bauch voller Verbände und tut eigentlich noch genauso weh wie vorher. Meine kleine Frau steht nun neben dem Bett und ich sehe ihr an, wie erleichtert sie ist und das sie sich offensichtlich schrecklich davor gefürchtet hat, dass irgendetwas mit mir schief gehen könnte. Ich nehme ihre Hand und frage, ob es schwer war, mich zu finden. Zumindest war es wohl ein kleines Problem, denn wie überall in Frankreich sprechen die Menschen, die an exponierter Stelle, wie zum Beispiel Empfangsschalter, auch immer wieder mit Ausländern zu tun haben, selbstverständlich keine Fremdsprachen. Das wäre ja auch noch schöner, den Gästen des Landes auch noch entgegen zu kommen in deren Faulheit, nicht wenigstens einen Französisch-Grundlagenkurs in der VHS zu besuchen, bevor sie sich erdreisten das Land zu besuchen.

 

Niemand am Empfang sprach Deutsch oder Englisch und meine Frau spricht nun mal nur wenige Worte Französisch. Bisher war das nie ein Problem. Wir waren immer in blendender Urlaubslaune in Paris und ich übernahm immer die Führung durch die Stadt. Was an Französisch zu sprechen war, kam von mir und alles funktionierte glänzend. Es gab nur einen Moment am Tag, wo wir nicht zusammen waren: am Morgen, wenn ich los zog, um Croissants und Baguette zu holen und meine Frau sich in der Zeit zuhause frisch machte. Nun merkten wir beide, dass wir ganz plötzlich in einer Situation waren, die wir noch nicht erlebt hatten. Sozusagen der Ernstfall. Ich war einer Institution ausgeliefert, die ein ganz spezielles Vokabular verlangte, dass man mir in deutschen Lehranstalten nie beibrachte und meine arme kleine Frau war plötzlich auf sich allein gestellt und musste lernen, dass die Franzosen alles andere als höflich und hilfsbereit sind, wenn sie einen Menschen vor sich haben, den sie nicht für voll nehmen. Und sie nehmen Menschen nie für voll, wenn er nicht zumindest holperig die französische Sprache beherrscht. Sie musste lernen, dass höchstens gefühlte 10 Prozent der Franzosen gewillt oder in der Lage sind, wenigstens Englisch zu sprechen und das alle überdeutlich zeigen, wie genervt sie sind, wenn wieder mal so ein hilfloser Tourist nicht fehlerfrei Französisch sprechen kann. Und eines bemerkte meine Frau noch, dass uns bisher nie aufgefallen war: Franzosen begegnen jedem geäußerten Wunsch oder jeder Frage grundsätzlich mit einer Gegenfrage. Immer! Egal, worum es geht! Und wenn man vorher im Wörterbuch nachgeschaut hat, damit man fehlerfrei seinen Wunsch auf Französisch äußern kann, dann ist sofort alles zum Teufel, weil man die Gegenfrage natürlich nicht mehr versteht. Ich fand, dass meine Frau damit nun doch ein wenig übertrieb und testete es bei der ersten Gelegenheit aus. Ich bestellte in einem Café einen Kaffee. Ich grinste meine Frau an und erklärte ihr, dass in Frankreich mit der Bezeichnung „Café“ für ein Heißgetränk immer der kleine Schwarze gemeint sei und es deshalb auch keine Gegenfragen geben könne! „Zwei Kaffee bitte, Madame.“ – „Stark oder normal?“ – „Einfach oder Doppelt?“ – „Zut alors!“

 

Ich hatte schon vor der OP schrecklichen Durst und bat immer wieder um etwas Wasser. Sehr hilfsbereit und immer auf das Wohl des Patienten bedacht, antwortete mir jeder, den ich darum bat, mit einem sehr freundlichen: “Non!“ Endlich erklärt mir der Arzt jetzt nach der OP, warum ich denn nicht trinken dürfte. Eigentlich ist es logisch: vor der OP ging es nicht, weil Löcher im Blindarm waren und das Wasser in den Bauchraum gelaufen wäre. Und nach der OP geht es nicht, weil der Darm ja frisch genäht ist und erst ein wenig zusammenwachsen muss, bevor man ihn wieder benutzen kann. Insgesamt zweieinhalb Tage liege ich dort nun schon ohne einen Tropfen Flüssigkeit. Es ist die Hölle. Der Arzt findet das nicht, denn er zeigt auf eine Tüte oben am Haken und sagt, dass ich damit genug zu trinken bekommen würde.

 

Nun bin ich also auf meinem Zimmer in der Station Sainte Charlotte und heile vor mich hin. Kurz nach mir wird Jean-Francois ins Zimmer geschoben, ebenfalls wie ich nun mit drei Löchern mehr im Bauch. Jean-Francois gehört zu wenigen Franzosen, die nicht nur fast fließend sondern auch gerne Englisch sprechen. Wir sind in ähnlichem Alter und verstehen uns auf Anhieb. Wir unterhalten uns auf Französisch und Jean-Francois erklärt Worte, die ich nicht kenne, auf Englisch. Auch wenn ich mal was nicht verstehe, was mir das Krankenhauspersonal so mitteilt, übersetzt und erklärt er. So langsam wird die Lage also für mich immer erträglicher.

 

Dennoch hatte sich meine Familie in Deutschland auf Bitten meiner Frau bereits mit dem ADAC in Verbindung gesetzt, um eventuell meinen Rücktransport zu organisieren. Sie sind noch immer des Lobes voll über die Menschen beim Automobilclub. Freundlich, effizient und voller Sachkenntnis fingen sie sofort an, die nächsten Schritte zu planen und setzten die Planungen dann auch umgehend um. Gleich am Montag rief ein ADAC-Arzt aus München in Paris im Hôtel Dieu an und erkundigte sich beim behandelnden Arzt über die OP, meinen aktuellen Zustand und meine Transportfähigkeit. Das sprach sich im Krankenhaus schnell herum, dass da Ärzte aus Deutschland sich intensiv für diesen Menschen auf der Station Sainte Charlotte interessierten. Auch wenn ich dann letzten Endes doch nicht durch den ADAC zurücktransportiert wurde, weil sich bequemere Möglichkeiten auftaten, so haben allein diese Anrufe aus München enormen Eindruck auf die Ärzte und Pfleger in Paris gemacht und ich hatte das Gefühl, dass man durchaus etwas mehr auf mich Acht gab. Ich habe beschlossen, bis zu meinem Lebensende Mitglied des ADAC zu bleiben.

 

Es gibt im Hôtel Dieu ein paar Dinge, an die man sich erst gewöhnen muss. Natürlich wird auch in einem deutschen Krankenhaus Fieber, Puls und Blutdruck gemessen und nach dem allgemeinen Befinden gefragt. Sehr gut finde ich das einfache System, den Patienten die Schmerzen auf einer Skala von 1-10 einschätzen zu lassen, wobei 1 nur ganz leicht spürbar und 10 kaum auszuhalten ist. Weniger toll finde ich, dass all diese genannten Aktionen stündlich stattfinden. Jede Stunde geht die Tür auf und alles geht von vorne wieder los. Tag und Nacht! Regelmäßig wird dabei auch der Tropf mit neuem Schmerzmittel angereichert, was ich wiederum als sehr angenehm empfinde.

 

Bei der Gelegenheit: eine der Nachtschwestern, die immer von einem Chinesen begleitet wird, wird mir so schnell nicht wieder aus dem Kopf gehen. Sie ist wohl eine der schönsten Frauen, die ich bisher getroffen habe. Doch zunächst eine kurze Beschreibung des Chinesen: Klein, untergewichtig, mit runder Nickelbrille und mit dunklen kurzen Haaren, gestylt mit einem „Topfschnitt“, wie wir früher sagten. Kurz: er erfüllt alle Klischees über Asiaten. Doch zurück zur Nachtschwester. Europäische Gesichtszüge, die schon fast ein wenig streng wirken und dabei sehr edel ausschauen, verbunden mit einem ziemlich dunklen, samtweichen Teint, ganz dunkelbraunen Augen und dunklem langen Haar, das ganz leicht gekräuselt ist. Ich frage sie, wo sie her kommt, obwohl ich schon eine Vermutung habe und sie gibt auch die erwartete Antwort, dass sie aus Martinique sei. Ich rufe aus, dass sie also wie Josephine de Beauharnais, die legendäre erste Ehefrau Napoleons, eine Kreolin sei. Sie strahlt mich an und nickt stolz. Als sie hinaus geht, bleibt der kleine Chinese noch einen Moment und misst meinen Blutdruck. Ich sage zu ihm, dass ich seine Kollegin sehr bewundere und das die Menschen aus Martinique sehr sehr schön seien. Er grinst mich breit an und sagt im Rausgehen: „Stimmt! Wie alle Asiaten!“

 

Am ersten Tag bekomme ich nichts zu essen. Ich habe aber auch keinen besonderen Hunger und es stört mich nicht, dass Jean-Pierre Vollverpflegung erhält, denn ihm wurde nicht am Darm herum geschnitten wie mir, sondern er hat Gallensteine. Um genau zu sein: er hat natürlich inzwischen keine Gallensteine mehr. Aber diese Steine sind die Ursache seiner Anwesenheit. Er hat sie, es sind drei ordentliche Kieselsteine in der Größe von Macadamianüssen ohne Schale, als Souvenir bekommen und zeigt, sie jedem, der zu Besuch kommt. 55 Prozent alle Menschen haben Gallensteine, hat man ihm erzählt. Aber nur die, die das Pech haben, dass die Gallensteine irgendeinen Weg verstopfen, die haben ein Problem damit. Er hatte ein Problem. Er war gerade auf dem Weg zum Flughafen als der Schmerz begann und statt zum Charles de Gaulle entschloss er sich, lieber ins Hôtel Dieu zu fahren. Er war nur ein paar Tage in Paris, um seine Schwester und seine beiden erwachsenen Söhne zu besuchen und wollte eigentlich nun nach Hause. Das interessante: sein Zuhause ist in Indien, eine gute Tagesreise von Neu Dehli entfernt, wo er mit seiner Frau, die er in China kennen gelernt hat, lebt und wo er als Manager für eine große indische Technikfirma arbeitet. Ein sehr interessanter Mensch also. Er entschuldigt sich vor jeder Mahlzeit formvollendet dafür, mir nun etwas vor essen zu müssen, aber er wolle schnell wieder zu Kräften kommen. Mehrmals am Tage telefoniert er mit seiner Frau und ich stelle fest, dass man nicht unbedingt Fremdsprachen beherrschen muss, um sie zu verstehen. Das gleiche spürt auch Jean-Francois, wenn er mich hört, wie ich mit meiner Frau telefoniere. Die Benutzung des eigenes Handys ist übrigens zumindest auf dieser Station erlaubt. Das wundert mich schon ein wenig, denn in meiner deutschen Heimatstadt gibt es noch Krankenhäuser, wo Funktelefone grundsätzlich verboten sind.

 

Doch zurück zum Essen. Ich bekomme nichts. Wenigstens am ersten Tag nicht. Dann gibt es am zweiten Mittag eine Gemüsebrühe. Ich möchte über diese Brühe nicht mehr sprechen. Ich habe Frankreich immer für das Zentrum allen kulinarischen Genusses gehalten. Diese Gemüsebrühe hat in mir alles zerstört was sich in Hinsicht auf Schlemmen in Frankreich über Jahrzehnte aufgebaut hat! Die Gemüsecremesuppe am Abend erledigt dann den Rest, den die Brühe am Mittag noch nicht geschafft hat. Zum Frühstück ab dem dritten Tag gibt es dann die üblichen  französischen  Schlemmereien zur Morgenstunde: Baguettebrötchen, Butter, Marmelade, Heißgetränk nach Wunsch. Das Essen zu Mittag und zu Abend steigert sich stetig: erst gibt es nur Nudeln in Butter geschwenkt, dann gibt es zu den Nudeln (nun nicht mehr in Butter geschwenkt) schon Wurzelscheiben und ein wenig Joghurt hinterher, bis es dann schließlich echte 3-Gang-Menus gibt. Und ich habe ein Hacksteak im Hôtel Dieu bekommen, wo sich jede Fast-Food Firma respektvoll verneigen würde. Es war würzig, zart und trotz der langen Warmhaltewege in so einem Krankenhaus wirklich saftig. Eine Lob an den Maître de Cuisine!

 

Gleich am Montag, kurz nach Arbeitsbeginn der Verwaltung, klingelt das Haustelefon an meinem Bett. Die Verwaltung ist dran, die das Schlimmste für das Hôtel Dieu durch meine Anwesenheit befürchte: nämlich kein Geld zu bekommen. Mir wird angekündigt, dass der Aufenthalt im Hôtel Dieu 1.600 Euro pro Tag kosten werde. OP-Kosten sind inklusive. Ob ich denn so viel Geld dabei hätte. Selten so gelacht! Natürlich nicht. Die Dame am anderen Ende wird nervös. Die Erwähnung meiner Kreditkarte entspannt allerdings die Lage und die Dame schlagartig. Erleichtert legt sie auf. Meine Frau ist dann am Nachmittag in der Verwaltung mit meiner Krankenkassenkarte. Sie kommt ganz fröhlich zurück, denn es gibt in der Verwaltung eine Dame aus dem Elsass, die ein wenig Deutsch spricht. Gemeinsam rufen sie in Bremen bei meiner Krankenkasse an und es stellt sich heraus, dass ich doch nicht täglich die 1.600 Euro zu zahlen habe, sondern diese Summe nur insgesamt als Eigenanteil einmalig. Das klingt ja schon bedeutend besser. Als wir dann am Tag meiner Entlassung in der Verwaltung aufkreuzen um meine in der ersten Nacht requirierten Wertsachen wieder in Empfang zu nehmen und um zu bezahlen, hatte die rührige Dame nochmals mit Bremen telefoniert und festgestellt, dass Besitzer einer Europäischen Krankenkarte, und ein solcher bin ich, nur noch 98 Euro zu zahlen haben. So weit ich es schon kann, breche ich in grenzenlosen Jubel aus und falle der Dame um den Hals, um sie hemmungslos mit Küsschen zu übersäen. Mit anderen Worten: ich sage „Merci“, zücke meinen Geldbeutel, um gleich darauf schnell zu verschwinden, bevor sie doch noch mehr von uns wollen.

 

Wir sind dabei, ein paar Dinge aufzuzählen, an die man sich in einem französischen Krankenhaus gewöhnen muss. Also: das Tagesgeschehen beginnt so gegen 7 Uhr am Morgen. Die Mitarbeiter, die die Tagschicht versehen, treffen offensichtlich so gegen 6 Uhr ein. Und die Damen und Herren, die die Aufgabe haben, für die Reinigung des Hauses zu sorgen,  beginnen dann auch gleich mit der Arbeit. Das hört man. Das kann man gar nicht überhören. Mehrmals jeden Morgen scheint ein Mitarbeiter mit mehreren Blecheimern in der Hand ganz schrecklich hinzufallen. Und alle anderen Kollegen machen sich dann ganz schlimme Sorgen um den armen Menschen, denn sie scheinen aus allen Abteilungen aus allen Stockwerken, sich intensiv über das Befinden des Betroffenen zu erkundigen. Das geht natürlich nur, wenn man ganz laut brüllt.

 

Noch ein Unterschied zu deutschen Krankenhäusern bzw. zu deutschen Arbeitsplätzen fällt mir auf. Ich möchte mich jetzt nur sehr vorsichtig ausdrücken und ich halte es für möglich, dass ich einen völlig falschen Eindruck gewonnen habe und meine Einschätzung nicht im mindesten der Realität entspricht und ich nur Halluzinationen aufgrund der Medikamente, mit denen ich vollgestopft wurde, hatte. Aber ich habe noch nie arbeitende Menschen gesehen, die sich samt und sonders so langsam bewegen. Mir fällt sofort dieser blöde Spruch ein, der irgendwas mit Schuhe besohlen beim Laufen zu tun hat. Grundsätzlich finde ich das eigentlich gar nicht so dumm, sich nicht systematisch kaputt zu machen, nur damit irgendwelche Menschen, die der kleine Angestellte wohl so gut wie nie zu Gesicht bekommen wird, im Luxus leben können. Aber sehr ungewohnt war der Anblick schon.

 

Noch eine Sache fällt mir ein: Am ersten Morgen nach der OP geht die Tür in der Frühe auf und die Stationsschwester betritt den Raum mit einer farbigen Dame, die in mir gleich die Assoziation zu einer schwarzen Köchin in alten Filmen, wie ‚Vom Winde verweht’ erweckt. Ich nenne sie deshalb für mich „Mammy“. Mammy hat die Aufgabe, mich zu reinigen. „Na, denn!“, denke ich mir, „dann man ran, gute Frau!“ Sie setzt sich mit einer Schale lauwarmen Wassers, einem Waschlappen und einem Handtuch auf den Bettrand und wäscht mich. Es ist die Hölle! Das ist kein zartfühlendes Waschen eines gerade operierten armen Menschen, der kaum weiß, was ihm geschieht! Das ist nackte Gewalt! Noch nie ist ein Mensch derart grob mit mir umgegangen. Ich japse, pruste und seufze – doch das ist der Dame egal! Sie dreht mich mit einem Ruck, hebt mich hier an und verschiebt mich dort, um auch wirklich an alle Stellen heranzukommen. An fast alle Stellen. Denn eine Stelle lässt sie aus. Oh nein, nicht aus Scham! Offensichtlich, weil man sich eben das Beste bis zum Schluss lässt. Ich denke schon, ich sei fertig, weil sie mich abtrocknet und scheinbar den Waschlappen nur noch auswäscht. Aber dann heftet sich ihr Blick auf eine Stelle unterhalb meines Bauches. Und mit einer Todesverachtung, die ich selten im Gesicht eines Menschen gesehen habe, beginnt sie, meine empfindlichsten Teile zu rubbeln und zu schrubben bis mir die Tränen in die Augen steigen. Endlich kam ein „Bon! Ca va?“ von ihr. Und ich bemühe mich, so freundlich und so lieb wie möglich mit ihr zu sprechen, damit sie eine persönlich Bindung zu mir bekommt. Denn so ein Erlebnis will ich nie nie wieder erleben! Und es hat geklappt: Ihre anfängliche Todesverachtung im Moment des auf mich Stürzens verwandelt sich mit den Tagen in eine beinahe liebevolle Behandlung, die das Ziel hat keine, aber auch wirklich keine noch so kleine Stelle an mir zu übersehen...

 

Mit den Tagen werden die Schläuche an mir langsam weniger. Ich darf, wenn auch nur vorsichtig, wieder aufstehen und das Essen wird langsam interessanter. Komplikationen werfen mich für 2 Tage zurück, ich bekomme wieder einen Schlauch mehr, aber die Ärzte bekommen die Sache in den Griff. 2 Tage vor dem offiziellen Urlaubsende soll ich nun entlassen werden. Wir sprechen mit dem ADAC ab, mich doch nicht zu transportieren, sondern wir wollten lieber wie geplant mit dem Schlafwagen zurück fahren. Eigentlich gibt es ja auch gar keinen schonenderen Transport, zumal die Ärzte mir ein einwöchiges Flugverbot auferlegten. Der ADAC, der mich wahrscheinlich sonst zurückgeflogen hätte, hätte also ohnehin nur einen Autotransport organisieren können. Eine kleine Überraschung für mich kommt noch am letzten Tag im Hotel Dieu: ein Pfleger, der erst an diesem Tag wieder Dienst tat, behauptet, dass eine Deutsche im Krankenhaus arbeiten würde. Er fängt an zu suchen und findet auch! Eine Medizinstudentin aus Hamburg verbringt ihr praktisches Jahr im Hotel Dieu. Wenigstens am letzten Tag kann sie mir also dann noch genau die Arztanweisungen für die Zeit nach der Entlassung übersetzen und auch den Arztbericht für meinen Hausarzt in Deutschland auf Deutsch schreiben.

 

Per Taxi lassen wir uns an Nachmittag dann vorsichtig wieder in die Wohnung fahren. Ich merke schnell, dass das Gefühl im Krankenhaus, wieder ordentlich fit zu sein, überhaupt nicht der Realität entspricht. Zuhause lege ich mich erst mal hin und schlafe eine kleine Runde. Ich verbringe die beiden Tage bis zur Abfahrt mit Schlafen, Essen und Trinken. Zum Glück befindet sich unten in unserem Haus ein Café. Es ist nicht nur urig, gemütlich und die Leute nett – es ist auch das preiswerteste in der ganzen Gegend mit ordentlichem Essen und tollen Cocktails zum Schleuderpreis. Da die Leute im Lokal sich wunderten, dass ich vor ein paar Tagen urplötzlich verschwand und die Dame nur noch allein zum Kaffee kam, erzähle ich meine traurige Geschichte. Daraufhin wird uns für die letzten beiden Tage ein Tisch immer frei gehalten. Hier ist es dann auch, wo wir Klaus kennen lernten.

 

Doch über das Café wollen wir lieber ein eigenes Kapitel eröffnen.

 

Doch über eine Beobachtung, die ich eigentlich mehr gehört als gesehen habe, möchte ich noch berichten. Die Tage im Krankenhaus wurden begleitet durch extrem heißes Wetter um die 30 Grad am Tage. Auch die Nächte waren sehr warm. Wie das Leben so spielt: vor und nach meinem Krankenhausaufenthalt war es regnerisch und trüb. Unser Fenster in unserem Zimmer blieb auch des Nachts offen. Und da man ja ohnehin stündlich wach wurde wegen der Überprüfung sämtlicher Vitalfunktionen vertrieb ich mir die Zeit bis zum Einschlummern mit Horchen. Schräg gegenüber war Notre Dame, deren Glocken alle 15 Minuten kurz und stündlich länger läuteten. Aber nicht das bemerkte ich besonders, sondern die unzähligen Stimmen, die ich bis etwa 3 bis 4 Uhr am Morgen hören konnte. Es war ein wahrhaft babylonisches Stimmengewirr, das ab und zu auch mal durch lautes betrunkenes Grölen unterbrochen wurde. Das Personal im Hôtel Dieu erzählte mir, dass bei schönem Wetter junge Touristen sich auf dem Parvis (Vorplatz) du Notre Dame fast die ganze Nacht um die Ohren schlagen würden und dort mehr oder weniger campieren. Leider produzierten sie auch Unmengen von Müll, weshalb die Propretée de Paris (Stadtreinigung) am frühen Morgen, bevor die normalen Touristen eintreffen, Sonderschichten fahren, um den Vorplatz wieder zu säubern. Die Stadt würde sich bereits überlegen, den Parvis nachts zu sperren, wüsste aber zur Zeit noch nicht genau, wie man das handhaben sollte. Angesichts des von mir immer wieder gehörten besoffenen Grölens und meiner Phantasie, die mir ziemlich genau vorgaukelte, was dann da unten los ist, tendiere ich ebenfalls dazu, den Vorplatz zu sperren. Nicht weil er ein Kirchplatz ist, sondern erstens eine historische Stätte, die Respekt verdient und zweitens als direkten Anwohner ein großes Krankenhaus hat mit Menschen darin, von denen so einige zumindest in der Nacht dringend der Ruhe bedürfen.

 

Noch eine Resumée möchte ich ziehen. Es ist ein ganz persönliches und hat nichts mit Fachkenntnis zu tun, sondern nur mit eigenen Beobachtungen und eigenen Gefühlen. Also: ich habe das Gefühl, dass die Medizin in Frankreich der in Deutschland einen halben bis einen ganzen Schritt voraus ist. Die Krankenhäuser jedoch scheinen in Frankreich einen deutlich schlechteren Stellenwert zu besitzen. Das kann aber täuschen, denn meine französischen Freunde legen Wert auf die Feststellung, dass es hochmoderne Medizintempel durchaus auch in Paris gäbe. Nur eben nicht in der Stadt, wo die Bauten einfach veraltet sind, sondern rundherum. Na gut! Dann wollen wir das mal glauben.

 

Das ist also die Geschichte vom kleinen Bernard, den ein noch sehr viel kleinerer Wurmfortsatz gründlich seinen Urlaub verdorben hat, auf den er sich doch so sehr gefreut hat.