Die Luftpiraten vom CDG

Man hat das Gefühl, doch gerade erst angekommen zu sein. Dennoch: der traurige Tag der Abreise ist da. Weil die Bahn immer noch keine Schlafwagen im Nachtzug anbieten kann, fliegen wir.

Wir fahren per Taxi zum CDG, weil unser Gepäck einfach zu umfangreich für die deutlich billigere und auch schnellere RER ist. Das bedeutet: besser früher aufbrechen, da man einerseits nicht weiss, wann mal ein Taxi hält, das man am Strassenrand zu sich winken möchte und weil die Situation auf der Périphérique jederzeit katastrophal sein könnte und lange Staus zu befürchten sind. Aber es kann auch alles gut laufen - dann sind wir viel zu früh auf dem Flugplatz. Für diesen Fall haben wir noch etwas Kuchen dabei.

Es läuft gut. Wir sind sehr früh. Schnell das Gepäck schon mal aufgegeben, damit wir nicht mit dem ganzen Zeug noch rumlaufen müssen. Wir setzen uns im Untergeschoss an ein stilles Plätzchen, zücken unsere Kuchengabeln und geniessen das letzte Stückchen Pâtisserie vor der deutschen Grenze. Plötzlich entschlüpft mir ein derber Fluch, gefolgt von den bedeutungsschwangeren Worten: "Mein Taschenmesser!" Als alter Pfadfinder hat man ja immer dieses kleine Taschenmesserwunder aus der Schweiz in der Hosentasche. Darf man aber nicht, wenn man fliegt. Zumindest nicht seit jenem 11. September. Was tun? Gehetzt kreist der Blick durch die Halle ... und bleibt haften an dem Schild "Post". Die Idee! Schnell hin und einen frankierten Umschlag gekauft, das Messer hineingetan, die eigene Adresse draufgeschrieben und rein in den Kasten! Messer gerettet! Vor möglichen Haftstrafen wegen versuchter Luftpiraterie verschont!

Puh! Ein Kaffee wäre jetzt nicht schlecht! Hin zur Kaffeebar. Ohlàlà! Für einen Flugplatz in Paris ist der Preis von 1.60 € pro Tässchen ausgesprochen günstig! Ganz langsam nähern wir uns der Boardingtime. Man ist ja sowas von modern auf Flughäfen! Alles auf Englisch! Auf unserer Boardingcard, in der das Ticket steckt, steht Gate six, Satellite 6, Gate 26. Well baby, then let us mal board! An Gate six müssen wir schon mal die Boardingcard und die Tickets zeigen. Dann rauf auf die endlos langen Förderbänder und quälend langsam aus dem zentralen Flughafengebäude, das natürlich Terminal genannt wird, unter der Erde durch und wieder hinauf in den Warteraum, der selbstverständlich Satellit heisst. Bevor wir den eigentlichen Warteraum für Lufthansa-Passagiere betreten können, wird das Handgepäck gefilzt.

Plötzlich Aufregung! Der Mann am Röntgenmonitor deutet aufgeregt auf den Inhalt einer unserer Taschen. Die Dame streift sich Gummihandschuhe über ("Ohgottogottogott! Wo wollen die mich denn nun filzen?!?") und bittet darum, dass die Tasche geöffnet wird. Sie wühlt darin rum, bis sie stolz unsere Kuchengabeln herauszieht. Wir schauen die Herrschaften verständnislos an. Sie erklären uns, dass Kuchengabeln natürlich gefährliche Waffen seien, die auf keinen Fall in den Innenraum eines Flugzeuges gelangen dürfen. Auf unsere Frage, was denn nun geschehen solle, zuckt man synchron mit den Schultern und wirft die Gabeln in eine Plastikkiste, in der schon Nagelscheren und ebensolche Feilen liegen. Dann dürfen wir in den letzten Warteraum vor dem Betreten unseres Flugzeuges.

Meine Frau ist untröstlich! Zwei Gabeln unseres schönen Kuchenbestecks einfach weggenommen! Unser Eigentum einfach in eine Müllkiste geschmissen! Als ich meine tieftraurige Frau sehe, werde ich stocksauer. Sie hat recht! Das ist Raub! Uns von unserem Eigentum zu trennen, weil es gefährlich ist, um es uns nach der Landung wiederzugeben, wäre ja in Ordnung gewesen. Obwohl - Kuchengabeln!!!! Waffen!!!! Kuchengabeln!!! Man hat mir bei der Bundeswehr beigebracht, Menschen mit einem Kugelschreiber zu töten. Aber die Kulis durfte ich behalten! Auch denke ich, mit meinen Händen mehr Unheil anrichten zu können, als mit zwei Kuchengabeln! Aber auch die wurden nicht aus Sicherheitsgründen amputiert!

Ich bin inzwischen ernsthaft böse auf diesen schwachsinnigen Idiotenkram. Und was sehen meine zu schmalen hinterhältigen Schlitzen mutierten Augen? Einen Lufthansaschalter! Unsere gute alte Fluggesellschaft - die uns nicht gerade wenig für den Flug abgeknöpft hat. Und die doch sooooooo schwärmt von ihrem Service, weshalb sie ja auch teurer ist, wie diese Nirwana-Airways mit ihren Dumpingpreisen! Jedenfalls erklären sie so Ihre Jumping-Preise.  So, Jungs und Mädels, dann zeigt mal, was ihr unter Service versteht! Mit vor Empörung vibrierender Stimme erkläre ich das Vorgefallene und bitte um Hilfe, damit meine Frau wieder ein vollständiges sechsteiliges Kuchenbesteck ihr Eigen nennen kann. Mit unbewegtem Gesicht hören mir vier Lufthansabedienstete zu. Und erklären dann lakonisch, dass auch Kuchengabeln ein Sicherheitsrisiko seien und dass die Konfiszierung rechtens sei. Ich mache dann den Vorschlag, mir auf meine Kosten die Gabeln per Post zuzuschicken. Ich wolle auch dafür bezahlen, wiederhole ich. Ich ernte nur Schulterzucken.

Meine Frau, noch immer untröstlich, und ich, noch immer bitterböse, warten auf den Aufruf unserer Maschine. Ein paar Minuten später gehts los. In der Maschine beruhigen wir uns langsam. Dann gibt es was zu essen. Und wir bekommen jeder eine metallene grosse Gabel und ein dazu passendes metallenes Messer... Meine Frau versucht mühsam, mich vom Randalieren abzuhalten. Mordlust blitzt in meinen Augen! Unsere kleinen, aber schönen Kuchengabeln liegen noch immer irgendwo in einer Plastikkiste im Flughafen Charles de Gaulle und warten darauf, in den Müll geworfen zu werden, weil ich damit Menschen töten könnte. Und die Lufthansa hat nichts eiligeres zu tun, als mir bedeutend größere, effektivere und stabilere Waffen in doppelter Menge in die Hand zu drücken, sobald die Maschine die geplante Flughöhe erreicht hat! Bin ich denn wirklich ein hirnamputierter Vollidiot, weil ich nicht verstehe, dass das Eine mit dem Anderen doch nun wirklich nichts zu tun hat?

Ich beschliesse, mich nachhaltig bei der Lufthansa zu beschweren und tue dies umgehend am folgenden Tag. Der Brief ist unterwegs. Eine Antwort habe ich noch nicht. Sobald ich eine erhalte, werde ich sie hier an dieser Stelle veröffentlichen. Als ewige Warnung an Menschen, die planen in 7000 Metern Flughöhe mehrere dieser grausamen Kuchengabelmorde zu begehen, wie wir sie ja schon aus unzähligen Zeitungsberichten aus der ganzen Welt kennen und fürchten.

P.S.: Wie eigentlich hat die Deutsche Lufthansa es geschafft, diese streng verbotenen Waffen an allen Kontrollen vorbei an Bord zu bringen? Noch dazu mit der Absicht, diese an die Passagiere zu verteilen! J'accuse!!!!!!!

Vorschlag: Bei der Verteilung des Bestecks sollte dies zukünftig mit den goldig lächelnden Worten: "Nun massakriert mal schön!", geschehen. Könnte ja sonst sein, dass jemand diese ungeahnte Chance, die einem in Verbindung mit den im Flugzeug als Service von der Luftfahrtgesellschaft zur Verfügung gestellten Massenmordhandwerkzeuge offeriert wird, sonst gar nicht versteht...

Noch ein Vorschlag: Die Messieursdames der Flughafensicherheit, die sich da an fremdem Eigentum zu schaffen machen, sprechen kein Wort Deutsch. Und das im Haussatelliten der Lufthansa, in dem doch wahrscheinlich die meisten der Fluggäste wohl deutschsprachig sind und sicherlich nicht alle so im Französischen beheimatet sind, um 'la fourchette' zu kennen. Man wird mir jetzt sagen, das es normal ist, das Bedienstete eines Flughafens in der Regel ihre Muttersprache sprechen und nicht immer noch Fremdsprachen, vor allem, wenn sie zu Niedriglohngruppen gehören. Ich sage: Alle, die im Satelliten direkt mit Fluggästen zu tun haben, sollten aber mindestens auch die Sprache beherrschen, die aufgrund der dort beheimateten Fluggesellschaft vorwiegend noch gesprochen wird. Alternative: Änderung der Bezeichnung 'Fluggäste' in 'Flugopfer'! Die unmittelbaren Mitarbeiter der Lufthansa machen das offenbar schon! Guten Flug!

Diese Geschichte wurde am 02. Mai 2003 von den Autoren selber erlebt. Die zynisch-ironische Art der Wiedergabe auf dieser Homepage dient der besseren Darstellung der Gefühle der Betroffenen und soll in keiner Weise beleidigend, sondern lediglich entlarvend wirken. Sobald eine Antwort der Customer-Relations-Abteilung der Lufthansa in Köln eingetroffen ist, wird diese hier veröffentlicht, egal ob die Autoren dann als Trottel dastehen oder nicht!

Bremen, anno domini 10. Mai 2003


Sie ist da! Die Antwort der Herren von der fliegenden Truppe. Und sie reden sich raus. Hatten wir das nicht irgendwie erwartet? Egal! Ohne weiteren Kommentar hier die freundliche aber bestimmte Entgegnung:

Sehr geehrter Herr (..),

vielen Dank für Ihr Schreiben an unsere zentrale Postanschrift in Köln. Gern
möchten wir als verantwortliches Team für Kundenbeziehungen dazu Stellung
nehmen.

Wir bedauern es sehr, daß Ihnen bei der Kontrolle durch die
Sicherheitsbehörden in Paris die im Handgepäck befindlichen Kuchengabeln
abgenommen wurden.

Anders als Sie vermuten sind die Mitarbeiter der Sicherheitsdienste nicht im
Auftrag der Fluggesellschaften, sondern im alleinigen Auftrag der
staatlichen Sicherheitsorgane und der Flughafengesellschaften tätig. Somit
können wir auch bedauerlicherweise keinen Einfluß auf die Bestimmungen und
Verfahren dieser Sicherheitsüberprüfungen ausüben. Hierfür müssen wir Sie
und Ihre Gattin um Verständnis bitten.

Da der von Ihnen in Ihrem Schreiben unterstellte Einfluß unsererseits nicht
existiert, können wir für das Vorgehen der Sicherheitskräfte in Paris auch
keine Verantwortung übernehmen. Ihrem Wunsch nach Ergänzung Ihres Besteckes
können wir daher nicht entsprechen.

Mit freundlichen Grüßen,

(...)
Leiter Kundenbeziehungen National
Deutsche Lufthansa Aktiengesellschaft


Amen!